Forschungsprojekt KUNST ÖFFENTLICHKEIT ZÜRICH | Projekte

Institut für Gegenwartskünste, Zürcher Hochschule der Künste ZHdK
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Claudia & Julia Müller, Projektentwurf Hardau

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Bilder: Keine

Glocke Hardau BimBam 2005

(Wettbewerbseingabe von Claudia und Julia Müller, Siegerprojekt)

Bei unseren Besuchen in dem Hardauviertel haben wir festgestellt, dass keine eigentliche Zentren oder Zonen existieren, die einen sinnvollen Handlungsort für ein prozesshaftes Vorgehen bilden. Auch schätzten wir die Bedürfnisse der ansässigen Bevölkerung nicht so ein, dass sie eine Beteiligung wünschen oder signalisieren. Es bedarf mehr eines Zeichens, welches sich nicht nur auf ein Gebäude bezieht sondern versucht, ein Ganzes zu beschreiben und auf längere Sicht für sich stehen kann. So entstand der Wunsch, der Siedlung eine narrative Geste hinzugesellen, welche in der endgültigen Situation als Referenz bestehen bleibt und zugleich als physisches Objekt eine spezielle Präsenz markiert.

Glocke Hardau BimBam 2005
Wir wollen eine Glocke herstellen lassen. Diese wird in der traditionellen Weise in einer Giesserei gegossen, wobei jeder Giesser dabei nach einer eigenen, geheimgehaltenen Rezeptur verfährt. Bei unserer Glocke handelt es sich um eine Zuckerhutglocke, sie weist, wie der Name sagt, eine längliche, schlanke Form auf und erzeugt den Ton G. Die Glocke mit Klöppel erhält eine Kordelverzierung und eine Inschrift, die leicht verschlüsselt wirkt, weil sie spiegelverkehrt eingeritzt wird. Sie lautet, richtig gelesen,′Glocke * Hardau * BimBam * 2005′.
In einer Feier wird die Glocke anschliessend eingeholt, was bedeutet, dass die Glocke feierlich und geschmückt in die Hardau transportiert und an ihren neuen Ort gebracht wird. An diesem Anlass soll eine Kappelle oder eine Musikband spielen und die ganze Szenerie soll mit Fotos dokumentiert werden.
Ausgewählte Fotos werden gerahmt mit entsprechender Beschriftung in den Eingangsbereich der Türme und der Schulen gehängt und weisen so auf eine Vorgeschichte hin und stellen einen Zusammenhang zu der platzierten Glocke hin.
Der vorgesehene Ort für die Glocke bildet die Nordfassade des Wohnturmes an der Bullingerstrasse 60, der einzige Turm, der auf derselben Strassenseite wie die beiden Schulen steht. Die Glocke hängt vom Dach in einem Abstand von 2 Meter von der Fassade herunter und wird auf der Höhe von ca. 12 Meter ab Boden befestigt. Ähnlich dem Bild eines begonnenen Glockenaufzuges hängt sie nun still herunter und komplettiert so die fiktive oder imaginäre Geschichte des (Hardau) Turmes, der auch als Glockenturm funktionieren könnte. Die Kabel, welche die Glocke am Wohnturm und an der gegenüberliegenden Primarschule sturmsicher ?xieren, werfen die Frage auf: wird die Glocke abgehängt oder aufgehängt?
Das stehende Bild soll in seiner Länge gleichzeitig auch als Objekt wahrgenommen werden. Die Verbindung von Turm und Glocke soll dem Gelände ein emotionales Moment verschaffen. Durch das gemeinsame Auftreten mit den wahrzeichenhaften Hardautürmen befragt die eher zarte, hängende Glocke deren Monumentalität und Funktion und wirkt so über den Ort hinaus. Die Glocke ist ein besonderes Kulturgut. Es gibt keinen Klangkörper und kein Musikinstrument, dem so viele Sagen und Legenden, Werke der Dichtkunst und der Literatur gewidmet sind. Angefangen beim heiligen Antonius, der oft ein Schwein mit Glocke mit sich führte, über Schiller bis zum Film Andrej Rubljow.
Sie wurde oft als Attribut von Engel und Teufeln benutzt; ein Träger von Sinn und Bedeutungen und weist auf Ankündigungen (Kirche), Recht und Ordnung (Schule), aber auch Freiheit und Krieg hin. Jede Glocke zeichnet sich durch eine individuelle Ritzung aus. So wurde im 12. Jahrhundert unter anderem eine leichtere Technik angewendet. Die Ritzung der Inschrift erfolgte aus der freien Hand in den Gussmantel, auf der Glocke aber erschien sie spiegelverkehrt. Die Glockeninschriften generell sind in erster Linie nicht für den Leser bestimmt, sondern hatten mehr eine materiell-magische Funktion. Diese Technik wenden wir auch für die Glocke in der Hardau an, die (leicht) rätselhafte Inschrift kann aber wohl nur auf den Fotos entziffert werden.
Die Glocke mit der Inschrift stiftet dem Ort eine Identität und könnte eine Weiterführung der von uns begonnenen Geschichte bedeuten. Möglicherweise könnte sie auch in Zukunft einmal abgehängt werden und in einen funktionierenden Zustand überführt, verkauft wie auch eingeschmolzen werden.
Der damit initiierte Prozess kann somit in einen grösseren, Zeitrahmen gestellt werden und einmal eine weitere Transformation bewirken. Durch das Zusammenspiel Glocke und den Fotos entsteht ein Hauch einer vertrauten, jedoch seltenen Welt - ein Erinnerungsspeicher, der durch seine über Jahrhunderte kaum veränderte Form uns zeitlos als auch aktuell erscheint.

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(c) Gerwald Rockenschaub, Ohne Titel (Zrcher Stadtansichten), 1994, Inkjet-Print auf Aluminium, 53,5 x 80 cm
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STADT
KUNST
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