Forschungsprojekt KUNST ÖFFENTLICHKEIT ZÜRICH | Projekte

Institut für Gegenwartskünste, Zürcher Hochschule der Künste ZHdK
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San Keller, Projekt B realisiert Hardau

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Best of Hardau – Tanzen Sie mit der San Dance Company
zu Ihrem Lieblingslied
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Am Samstag, den 4. Juni, tanzte die «San Dance Company» zu Musikstücken der Hardauer Bewohnerinnen und Bewohner. Die Ankündigungsflyer in acht Sprachen wurden an alle Haushalte des Hardaugebiets versandt. Wer sein Lieblingslied zwischen 14 und 23 Uhr vorbeibrachte, verpflichtete im Gegenzug die Company zum Tanz und erhielt Bratwurst und Getränk.

Respekt, Erinnerung und Hörlust
In der Hardau hatte San Keller unter dem Pappelhain beim Grillplatz eine logohafte, quadratische Tanzplattform ausgelegt. Auf deren einen Seite befand sich die Sitzgelegenheit für die TänzerInnen, auf der Seite gegenüber waren DJ-Pult und Bar eingerichtet. Moderator Michael Hilton warb ab 14 Uhr vor unbelebter Architekturkulisse um TeilnehmerInnen, Manuel Krebs nahm den Grill in Betrieb. Erste Neugierige setzten sich in sicherer Distanz auf Parkbänke. Gegen 15 Uhr gab ein Pärchen Mittezwanziger dann zwei erste Lieblingsstücke ab, die sich als Initialzündung für einen immer dichter werdenden Andrang auf die Playlist erwiesen – ein Stück aus dem Album «Chromatic» von Sens Unik und Musik aus Kambodscha ab Kassette, ein Ferienmitbringesel. Naturgemäss kontrollierte vorher eine Polizeistreife die eingeholte Bewilligung auf Stimmigkeit.

Im Verlauf des Abends zog die eingereichte Musik einen breiten Schnitt durch das Geschmacksleben im Hardaugebiet: Das Vokabular reichte von Hiphop (für den die Teenager der Siedlung besorgt waren) über lateinamerikanische Flötenmusik, «Guitars for Dreaming – Top Soul Guitar», Rock, Neuer Deutsche Welle und balkanischer Volksmusik bis hin zu Country. Der «Jodlerklub Bergfründ» war ebenso vertreten wie «Fairuz and the Rahbani Brothers» aus dem Libanon oder Lynyrd Skynyrd mit «Sweet Home Alabama». Einige Volksmusikstücke, mehrheitlich albanische, von Kindern mitgebracht, wurden von den Eltern mit Glückwünschen Richtung Heimat bedacht. Die eigene Musik auf der angebotenen Plattform zu präsentieren, hatte plötzlich sehr viel mit dem Einholen von Respekt zu tun. Die Kids griffen dann auch zum Mikrophon. Gelingen mochte ein einzelner Rap, einstudiert in der Schule. Motto: Schweizer, warum wollt ihr uns nicht.

Die «Best of Hardau» bestand mehrheitlich aus Musik, die eine gewissermassen identitätspolitische Funktion erfüllt und die ihre Bestimmung nicht im einzelnen Track, sondern in der Verbundenheit zur Gattung oder zum Stil erfüllt. Volksmusik ist der ewige Widergänger für den Ausdruck der Lieblingszugehörigkeit, Hiphop symbolisiert die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft aber genauso wie Heavymetal. Der Begriff «Lieblingslied» wies am Ende der «Best of Hardau» dann aber doch noch ein paar Facetten mehr auf. Nenas «Nur geträumt» – heute gehört – oder die kambodschanische Ferienkassette erinnern eher an individuelle biographische Momente, als dass sie zur Distinktion und zur Selbstmodellierung dienen. Höchstens die Erinnerung an die Verbundenheit mit der Hörerschaft der «Neuen Deutschen Welle» oder das vage Bild einer paradiesverheissenden Identität Kambodschas spielen eine Rolle. Unter musikalischen Aspekten gäbe es darüber hinaus eine abstraktere Hörlust, die das «Lieblingsmusikstück» an gelungenen Rhythmen, Melodiebögen und Singularitäten misst, und die nicht leicht in Erinnerungsfunktion und Identitätspolitik aufzulösen ist. Der Wunsch nach Johann Straussens «Wein Weib und Gesang, Op. 333» zielte irgendwie in diese Richtung. Auch wenn sich im Walzer von 1869 Reste einer Sehnsucht nach grossbürgerlichem Lebensstil verbergen mochten.

Das Publikum spalten
Seit sechs Jahren führt Stefan Keller die «San Dance Company», einen Verbund von befreundeten, ehrenamtlich arbeitenden Laien-TänzerInnen. Die Sechsergruppe mit Vortänzer formierte sich nach dem Vorbild der «Torrance Community Dance Company», die 1998 stilbildend im Videoclip «Praise You» auftrat: Zum Musikstück von Fatboy Slim tanzt die fiktive, für den Clip erfundene Gruppe in einer Kinolobby in Westwood, Kalifornien. Die watschelige Choreographie wird euphorisiert von den Songzeilen «We ve come a long long way together / I have to praise you like I should». Clipregisseur Spike Jonze, inzwischen zum Star avanciert, spielt den energetischen Vortänzer. Entsprechend verkleidet riechen er und seine PerformerInnen schwer nach Sozialhilfe und Selbsterfahrungsgruppe. Als Touristen getarnte Kameraleute hielten in Reality-Manier fest, wie das Anstinken gegen den kommerzialisierten Kino-Vorraum vonstatten geht: Skurrile Tanzmanöver kontrastieren die architektonische Glätte, stiften Gruppengefühl und verbreiten esoterische Wärme. Im selben kommerziellen Format des Pop-Clips spielt allerdings das unwissende Publikum von Westwood die heimliche Hauptrolle. Um die disziplinierende Wirkung von Alltagskultur und Raumgestaltung blosszustellen, serviert der Clip die Tanz-Performance als Test für die Fixierung auf das Spektakel: Je alltäglicher und miefiger der Auftritt der Company, desto authentischer die Reaktionen der ZuschauerInnen. Der Kinomanager versuchte sogar den Gettoblaster zu konfiszieren. Die erschwindelte Authentizität dient dem Clip als Beleg der These der Selbstdisziplinierung.
Das MTV-Fernsehpublikum, das den Clip anschauen kann, lacht am Ende über das Publikum vor Ort, das sich auf dem Weg zur Kasse ablenken liess. Den Kern der beiden Aufmerksamkeiten bildet dieselbe betont banale Choreographie. Es ist die gelungene Differenzierung von Publikumsverhalten, das Aufspalten von Fernseh- und Kinopublikum, die den Clip so sehenswert macht. Mit «Torrance Rises» lieferte Jonze ein Jahr nach dem Clip die erweiterte dokumentarische Fiktion zur Tanzgruppe nach, die deren Fahrt zur Entgegennahme des MTV-Awards überhöht.

Brüchige Gemeinschaften
Die «San Dance Company» huldigt mit ihren Tanz-Interventionen keinem geheimen Gruppengeist à la «Praise You». Sie inszeniert den öffentlichen Raum auch nicht als geschniegelten Gegner und verschreibt sich nicht einem Musikstil. Letzteres ist bei Reclaim-The-Street-Events oft der Fall: eine rebellische Gemeinschaft besetzt den öffentlichen Raum mit einer Musik, auf die sie bereits eingeschworen ist (in Zürich ist das meistens Techno, in Spielarten von Minimal zu Electro House). Die «San Dance Company» trotzt ihr öffentliches Tanzen den Widersprüchen ab, mit denen eine Tanzgemeinschaft in sich ringt. Tanzen ist für sie eine labile Verbindlichkeit, eine musikalische getaktet Kette von laienhaften Einzelhandlungen und kulturell vage kodierten Choreographien. Dabei inszeniert San Keller die Tanzfläche als Sockel, auf dem jede Mittänzerin und jeder Mittänzer zum Bestandteil einer Sozio-Skulptur wird. Das aus verschiedenen ökonomischen und kulturellen Umständen hervorgegangene Tanz-Verhalten der einzelnen prägt die Tanzgemeinschaft. Auch hier: Kein Stil. Ob unberechenbares Wetter, Daueraktion oder die nach den Vorlieben der AnwohnerInnen wechselnde Musik, wie in der Aktion «Best of Hardau»: Die Frage, wo und unter welchen Bedingungen eine Gruppe zu swingen vermag, kann nur im Mittanzen beantwortet werden, nicht im Zuschauen. Die «San Dance Company» sorgt für die Aufrechterhaltung dieser Fragen, nicht für ein zu konsumierendes Spektakel.

Dazu zwei Beispiele: Auf der während 2 Wochen fest eingerichteten Aktionsplattform für «Dancin’ in the Rain», 2001, wurde immer nur dann getanzt, wenn es regnete. Damit das möglich war, mussten Bar und DJs 24 Stunden einsatzbereit gehalten werden. Der Event fand meteorologisch bedingt zufällig statt und wollte wissen, wieweit Vorfreude machbar ist, oder ob lustvoll Nass-Tanzen auch ohne Gene Kellys Emphase gelingt («Singin’ in the Rain»)? Die Aktion «San Dance Company tanzt 125 Stunden», 2000, stellte, zum 125. Jubiläum der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich, den erschöpfenden Solotanz der Companymitglieder aus. Die traten im Dreistundentakt jeweils alleine auf, von allfälligen, Company-fernen Gästen begleitet. Mitleid als Mittanzen und Mittanzen als Mitleiden waren die impliziten Leitgedanken.

Aktion oder Hinnahme
Das ist letztlich der Unterschied zum Vorbild «Torrance Dance Company» aus dem Clip: Das Publikum findet eine reale Öffnung zur Einmischung vor. Es kann zur Verwischung der Grenze zwischen PerformerInnen und Publikum beitragen und wohnt nicht einem Anlass bei, der die Trennung zwischen Sehen und Agieren betont und das Bildhafte dieser Trennung noch ins Fiktionale überhöht. Das ist dem Clip mit seiner Fernsehöffentlichkeit vorbehalten.

Das Publikum riskiert in beiden Fällen etwas. Im Fall der «San Dance Company» können TeilnehmerInnen fürchten, einem Kunstprojekt aufzusitzen, das das Interesse an der gemeinsamen Sache nur heuchelt und dessen Ziel das Foto für die Dokumentation ist. Der Dokufiktion-Clip Jonzes’ wiederum zwang das Publikum vor Ort, für ein Milliardenpublikum die Kulisse aus staunenden Deppen zu geben und stellvertretend für alle zu stehen, die sich von Verhaltensmustern reglementieren lassen. Das MTV-Fernsehpublikum zu Hause vor dem Fernseher kam nach dem Muster der versteckten Kamera in den Genuss einer gelungenen Massen-Täuschung. Es mochte sich aber wohl in dem betrogenen Publikum vor dem Kino selber wieder erkennen. In der Schlaufe vom Beobachtet-Werden und Beobachten lässt der Clip erleben, wie die Passivität im öffentlichen Raum und das Konsumieren von Öffentlichkeit vor dem Fernseher gegensätzliche Publika schafft, die aufeinander angewiesen sind.

Beide Interventionen funktionieren betont lustvoll, entweder im Betrug oder in der offenen Verschwendung. Ein Publikum, das im kapitalistischen «Verblendungszusammenhang» potentiell betrogen werden will, muss aus beiden Interventionen zu nehmen wissen, was nützlich ist. Keine Art und Weise, an einer Aktion der «San Dance Company» teilzunehmen, ist richtig, und es gibt auch keine eindeutige Schlussfolgerung aus dem Clip «Prais You» zu ziehen. Angestachelt wird die Beweglichkeit, zwischen verschiedenen Publika zu wechseln und vehementer zwischen Aktion oder Hinnahme zu entscheiden.

Die «San Dance Company» 2005: San Keller, Michael Blättler, Patricia Bucher,
Lorenz Meier, Natalija Saile, Shirana Shahbazi, Rudolf Steiner.
Gründungsjahr: 1999


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20/07
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