Forschungsprojekt KUNST ÖFFENTLICHKEIT ZÜRICH | Grundlagen

Institut für Gegenwartskünste, Zürcher Hochschule der Künste ZHdK
Hafnerstrasse 39, Postfach, CH-8031 Zürich, Tel +41 (0)43 446 61 01

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"Kunst Öffentlichkeit Zürich" ist ein interdisziplinäres, institutionsübergreifendes und praxisorientiertes Forschungsprojekt, das sich der Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Zürich widmet. Zürich hat kein Konzept für Kunst im öffentlichen Raum. Auch haben sich die Auffassungen bezüglich Kunst und Öffentlichkeit in den letzten 25 Jahren stark entwickelt. Das Projekt will die Gesamtsituation analysieren, neu ausrichten, in einen aktuellen Kontext stellen und zu lokaler und internationaler Ausstrahlung bringen. "Kunst Öffentlichkeit Zürich" steht unter der Leitung der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ).

Das Ziel des Forschungsprojektes ist es, rund 10 künstlerische Pilotprojekte zu entwickeln und zu realisieren sowie eine innovative Strategie (ein Leitbild) für Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Zürich zu erarbeiten. Gemeinsam mit den begleitenden Öffentlichkeitsarbeiten und Marketingmassnahmen soll damit die Basis für eine langfristige und nachhaltige Entwicklung von öffentlicher Kunst in Zürich gelegt werden.

Das Projekt vereint Kompetenzen aus Wissenschaft, Kunst, Stadtmanagement und Privatwirtschaft. "Kunst Öffentlichkeit Zürich" ist ein Verbundprojekt der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (HGKZ) in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ). Der Forschungsgruppe gehören ebenso rund 8 Künstler/innen aus dem In- und Ausland an. Projektpartnerinnen sind die Stadt Zürich sowie die Walter A. Bechtler Stiftung, Küsnacht, die Georg und Bertha Schwyzer-Winiker Stiftung, Zürich, und die Swiss Re (Schweizerische Rückversicherungs-Gesellschaft), Zürich. Das Forschungsprojekt wird massgeblich von der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) des Bundes unterstützt. Weitere Unterstützung erfährt das Projekt von Homburger Rechtsanwälte, Zürich.

Das Projekt beginnt im Mai 2004 und dauert voraussichtlich 2½ Jahre.

Ziele, Merkmale und Schwerpunkte des Forschungsprojekts

Absicht der Stadt Zürich
Die Situation der "Kunst im öffentlichen Raum"1 in der Stadt Zürich ist im internationalen Vergleich mit Städten ähnlicher Bedeutung und Grösse wenig zeitgemäss. Das Niveau ihrer Pflege entspricht nicht der wirtschaftlichen und kulturellen Rolle der Stadt Zürich, insbesondere nicht dem Aufschwung, den die Stadt seit den 80er Jahren im Bereich der Bildenden Kunst erfahren hat. Es fehlen ein Leitbild und Strukturen, um die Realisierung von aktuellen Kunstwerken im öffentlichen Raum zu initiieren und zu koordinieren und einen lebendigen Umgang mit den bereits bestehenden Werken zu fördern.

Es ist daher die Absicht der Stadt Zürich, die wenig zufriedenstellende Situation im Bereich der Kunst im öffentlichen Raum entscheidend zu verbessern. Die Grundlagen dazu sollen vom Forschungsprojekt geschaffen werden. Im Forschungsprojekt werden rund 10 künstlerische Pilotprojekte entwickelt und realisiert; des weiteren wird eine den Zürcher Verhältnissen angemessene und im internationalen Kontext vergleichbare Strategie erarbeitet, welche anspruchsvolle Projekte ermöglicht.

Das Strategiepapier (Leitbild) soll u.a. konkrete Richtlinien enthalten für die Projektierung und Realisierung neuer Werke, für die Bereinigung des aktuellen Bestandes an Kunst und Denkmälern im öffentlichen Raum, für die Öffentlichkeitsarbeit sowie für das künftige stadtinterne Management und die Zusammenarbeit von öffentlicher und privater Hand.

Die repräsentativen öffentlichen Räume im Zentrum Zürichs werden vorwiegend von Denkmälern und bereits historischen Skulpturen geprägt. Diese Werke stehen in keinem übergreifenden und aktuellen Bezugsfeld. Die Gegenwartskunst erfährt in Zürich im Allgemeinen eine unkoordinierte und periphere Behandlung und tritt nur vereinzelt ins öffentliche Bewusstsein. Es fehlt ein aufbauender, kontinuierlicher öffentlicher Diskurs über Kunst, Stadtraum und Öffentlichkeit. Häufig mangelt neueren Kunstwerken die Beziehung zur sozialen, politischen und wirtschaftlichen Realität der Gegenwart oder zur historischen und kulturellen Bedeutung des Standortes. Sie entfalten kaum örtliche Wirksamkeit und haben keine grenzüberschreitende Ausstrahlung. Ein grosser Bereich aktueller Formen der Kunst des Öffentlichen, die einem zeitgemässen Kunstbegriff entsprechen, fehlt ganz (prozessorientierte Projektarbeiten, Site Specificity in formaler, funktionaler und sozialer Hinsicht, New Public Art u.a.m.).

Langfristig verspricht sich die Stadt Zürich von den im Rahmen des Forschungsprojekts gewonnenen Erkenntnissen eine in der Öffentlichkeit (inkl. Behörde und Kulturpolitik) verankerte Basis für eine Praxis öffentlicher Kunst, die mit den städtebaulichen, sozialen, kulturellen und politischen Entwicklungen in Beziehung steht und einen wichtigen Beitrag leistet.

Ein aus der Gesamtperspektive begründbares strategisches Konzept erlaubt gegebenenfalls Schwerpunkte zu setzen. Einerseits kann die Stadt Zürich mit grossen, internationalen Gesten (Prestigewerke als symbolisches Kapital) an neuer touristisch-kultureller Attraktivität gewinnen. Andererseits kann Kunst einen wichtigen Faktor bilden bei der Schaffung und Differenzierung von Identitäten neuer und bestehender Stadtgebiete sowie von Öffentlichkeiten und unterschiedlichen sozialen Gemeinschaften. Bei Identitätsbildungen kann Kunst als Instrument der Vergegenwärtigung und Vergegenständlichung gesellschaftlich relevanter Themen eine zentrale Bedeutung zukommen. Das Projekt steht daher in engem Zusammenhang mit den (departementsübergreifenden) städtischen Bemühungen um Konsolidierung der Lebensqualität, Schaffung von Identität und Kultur als Standortmarketing.

Wissenschaftliche und künstlerische Zielsetzungen
Kunst im öffentlichen Raum ist eines der komplexesten Handlungsfelder der Gegenwartskunst. Nichts, was sie betrifft, ist selbstverständlich, weder in ihr noch in ihrem Verhältnis zur Lebenspraxis. Was als festes und verlässliches Gefüge erscheint, ist stets in Bewegung, löst seine Konturen auf und formiert sich neu: so der öffentliche Raum, die Öffentlichkeit, der Begriff des Öffentlichen und der des Kunstwerks selber, die Grundlage der Kunst und ihre Funktion. Sie alle sind variable und zersplitterte Realitäten, die nur mehr in der Mehrzahl und im Widerstreit zu erfahren sind.

Kunst im öffentlichen Raum stellt eine der wenigen Formen dar, wie Kunst über den Fachdiskurs des Kunstsystems hinaus in direkten Dialog mit den Öffentlichkeiten tritt. Sie ist in unterschiedlichem Masse mit sozialen, ideologischen und ethischen Anliegen, mit Erkenntnis- und Bildungsansprüchen und vor allem auch mit Interessen von Seiten der Wirtschaft und Politik verbunden. Temporäre Ausstellungen im Aussenraum vermögen diesen Dialog selten an die sensiblen Punkte heranzuführen. Um die Möglichkeit einer fruchtbaren Auseinandersetzung in ihrer Komplexität differenziert zu gewährleisten, sind Analysen der relevanten lokalen Bedingungen sowie auf Langfristigkeit angelegte Strategien erforderlich.

Der Grossteil der zeitgenössischen Kunstwerke im öffentlichen Raum der Stadt Zürich ist von untergeordneter Bedeutung. Dieser unbefriedigende Situation ist hauptsächlich auf folgende Defizite zurückzuführen:
- mangelnde Relevanz der künstlerischen Konzeptionen, insbesondere im internationalen Zusammenhang aktueller Entwicklungen der Kunst bzw. der "Kunst im öffentlichen Raum",
- mangelnde professionelle Aufarbeitung und Berücksichtigung des komplexen, jeweils spezifischen Kontextes,
- zu wenig geförderter Dialog mit der breiten Öffentlichkeit (mangelnder öffentlicher Diskurs, mangelnde Vermittlung),
- mangelnde Einbindung in eine Gesamtstrategie.

Im Projekt "Kunst Öffentlichkeit Zürich" erfahren künstlerische Relevanz, Ortsspezifik und öffentlicher Diskurs besondere Aufmerksamkeit, ebenso diejenigen Faktoren (Parameter), die in der Stadt Zürich für Einzelwerk und Gesamtstrategie grundlegend und massgebend sein sollen.

Einen bedeutenden Teil des Forschungsunternehmens bilden die Recherchen, Analysen und Evaluationen, welche die wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen (verschiedener Disziplinen) des Projektteams und die städtischen Experten/innen (aus verschiedenen Fachbereichen bzw. Departementen) in ausgewählten Bereichen der Geschichte, der Stadtplanung, der Wirtschaft, der Kultur und der Gesellschaft der Stadt Zürich leisten. Gegenstand ihrer Analysen sind mithin auch die stadtzürcherischen Öffentlichkeiten und die im öffentlichen Raum der Stadt Zürich bereits vorhandenen Kunstwerke und Denkmäler. Die Untersuchungen bilden die Grundlage zur Bestimmung der in Zürich massgebenden Faktoren für Kunst im öffentlichen Raum (z.B. soziale Strukturen, Geschichte, Topographie, Wirtschaft, Themen von öffentlicher Bedeutung und andere kulturelle Phänomene). Und sie geben den Künstler/innen, die mit ihren Kompetenzen und Interessen selber in die Untersuchungen involviert sind, eine solide Basis zur ortsbezogenen Entwicklung von Kunstprojekten.

Die Präsentation und Diskussion der wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit in der Öffentlichkeit dienen dazu, Interesse zu wecken und Verständnis und Sensibilität für Gegenwartskunst zu fördern, darüber hinaus aber auch die aktive Teilnahme am Projekt zu ermöglichen. Im öffentlichen Dialog sollen Eigenheiten und Bedürfnisse der aktuellen Zürcher Öffentlichkeiten in Erfahrungen gebracht werden. Der Dialog mit den Öffentlichkeiten und die Zusammenarbeit mit verschiedenen Departementen der Stadt Zürich sind für das Gelingen und die Nachhaltigkeit des Projekts und der daraus resultierenden Strategie unabdingbar.

Die wissenschaftliche Arbeit, die Öffentlichkeitsarbeit und die künstlerische Entwurfsarbeit sind eng miteinander verknüpft. Die drei Bereiche beeinflussen sich gegenseitig und bilden gemeinsam den eigentlichen Kern der transdisziplinären Forschungsarbeit.

Die künstlerischen und wissenschaftlichen Ziele des Projektes sind die Realisierung von lokal und international relevanten Kunstwerken (Pilotprojekten) sowie die Entwicklung einer beispielhaften Strategie für Kunst und Öffentlichkeit im urbanen Kontext der Stadt Zürich. Die Grundlage dazu bildet die transdisziplinäre Zusammenarbeit von Fachpersonen aus Praxis und Wissenschaft und ihr Dialog mit unterschiedlichen Öffentlichkeiten.

Die Hauptmerkmale des vorliegenden Projektes sind:
- Transdisziplinarität von Kunst, Wissenschaft (insbesondere Geschichts-, Sozial- und Kunstwissenschaft) und Stadtmanagement,
- Kontextualität bzw. Ortsbezogenheit hinsichtlich der Eigenheiten, Bedingungen und Bedürfnisse der verschiedenen städtischen Öffentlichkeiten und der historischen, kulturellen, städtebaulichen und politischen Gegebenheiten,
- Zusammenarbeit mit regional und international bedeutenden, qualifizierten Künstlern/innen,
- künstlerische Qualität und gesellschaftliche Relevanz der neuen Werke,
- Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation (Vermittlung, Interaktion, Partizipation),
- künstlerische Innovation und Beispielhaftigkeit der Strategie im internationalen Kontext,
- Fundiertheit der Strategie und Nachhaltigkeit.

Die Resultate und Teilbereiche des Projektes werden in einer Publikationsreihe veröffentlicht. Im Sinne eines Wissenstransfers werden sie ebenso in die Forschungskolloquien und in die Lehrveranstaltungen der HGK Zürich eingebracht. Zur theoretischen Grundlegung für das Fach- wie Laienpublikum plant die HGKZ in Zusammenarbeit mit verschiedenen Kunstinstitutionen in der Stadt Zürich öffentliche Vorträge zum Thema Öffentlichkeiten und Kunst (Arbeitstitel: „Öffentlichkeit ÷ Kunst") mit internationalen und lokalen Referenten/innen aus verschiedenen Disziplinen (wie Geschichte, Soziologie, Germanistik, Kunstwissenschaft, Stadtplanung und Kunst).

Schwerpunkte des Forschungsprojekts
Das von der KTI mitfinanzierte Vorprojekt "Gegenwartskunst im Landschafts- und Siedlungsraum La Plaiv"2 (Oberengadin) diente der Entwicklung einer neuartigen Methode zur Projektierung von zeitgemässen und ortspezifischen Kunstwerken und einer Strategie für Kunst im öffentlichen Raum. Es konnte die transdisziplinäre Zusammenarbeit unterschiedlicher Hochschulen und die Kooperation mit Behörden, Wirtschaft und Öffentlichkeit erprobt werden. Die entwickelte Methode wird im vorliegenden Projekt für den urbanen Raum diversifiziert, weiterentwickelt und differenziert.

Im Gegensatz zum Gemeindeverbund La Plaiv, wo die Forscher/innen mit relativ wenig artikulierten, einfachen und überschaubaren Öffentlichkeiten zu tun hatten, treffen sie in der Stadt Zürich auf eine differenzierte und ungleich komplexere Situation. Eine Strategie für ein urbanes Ballungszentrum verlangt nach einer Auseinandersetzung mit den zahlreichen Öffentlichkeiten, mit ihren verschiedenen Artikulationsformen, Medien und Kontexten und ihrem je unterschiedlichen Verhältnis zur Gegenwartskultur.

Die Anforderungen an das Forschungsprojekt in der Stadt Zürich sind in qualitativer und quantitativer Hinsicht hoch. Verschiedenste Bereiche (wie etwa Städtebau und Raumplanung), mit welchen die "Kunst des Öffentlichen" eng verknüpft ist, werden als eigenständige und vielgestaltige Felder gepflegt und teilweise von einem Diskurs auf hohem Niveau begleitet. Es gibt eine Vielzahl von Typen öffentlicher Räume (wie Parkanlagen, Plätze, Kinos, Printmedien, Lokalradios, Internet), die z.T. bereits als Präsentationsorte und Interventionsfelder von Kunst dienen. Zürich ist im Bereich der Bildenden Kunst wirtschaftlich sehr aktiv (Kunsthandel), und die Stadt hat mit ihrer Künstlerschaft, den Ausstellungsinstituten, Hochschulen und Medien (Kunstzeitschriften, Verlage) einen künstlerisch wie intellektuell professionellen und aktuellen Standard. Das Forschungsprojekt agiert in diesem Kontext eines vergleichsweise hohen Standards von Hoch-, Populär- und Alternativkultur.

Während im Vorprojekt die Projektentwürfe und das Konzept für Gegenwartskunst v.a. eine Diversifikation der Touristik anvisierte, hat das Folgeprojekt in Zürich weiterreichende Zielsetzungen. Die für die Stadt Zürich zu entwickelnde künstlerische Strategie kann der Steigerung des Standortmarketings dienen, darüber hinaus soll sie langfristig aber auch mit sozialpolitischen, kulturellen, wirtschaftlichen und städtebaulichen Aktivitäten interagieren. Sie steht damit in engem Zusammenhang mit dem Anliegen der Stadt Zürich, die Lebensqualität mit der Schaffung neuer Ereignisorte, mit der Förderung einer Kultur des öffentlichen Lebens und mit Impulsen für Integration und Identitätsstiftung (von sozialen Gruppen unterschiedlicher Lebensformen, von Quartieren) zu konsolidieren.

Die folgenden Aspekte bilden die Schwerpunkte des Forschungsprojekts "Kunst Öffentlichkeit Zürich".

Relevante Parameter
Neben dem topographisch verstandenen öffentlichen Raum bilden ebenso der soziale Raum und darüber hinaus Geschichte, Wirtschaft, Ideologie, Kommunikation (öffentlicher Diskurs), Medium, Themen (im Diskurs des Öffentlichen) und weitere kulturelle Aspekte die entscheidenden Parameter für öffentliche Kunst. Das Forschungsprojekt setzt keinen der Parameter als bereits gegeben voraus. Die für zeitgerechte Kunst des Öffentlichen und spezifisch für Zürich relevanten Parameter sind selber Gegenstand der Forschung und werden im Projekt bestimmt. Damit zieht das Projekt Grundlagen in die Forschung mit ein, die in der heutigen künstlerischen und kuratorischen Praxis öffentlicher Kunst üblicherweise ein verborgenes, kaum wahrgenommenes und unbestimmtes Hintergrundphänomen bilden. Abhängig von der Bestimmung der relevanten Parameter sind die Funktionen, die öffentliche Kunst wahrnehmen kann. Mit dem Erforschen der Parameter und Funktionen von Kunstkonzeptionen und -werken erfährt das Forschungsprojekt einen stärkeren Einbezug ihrer ideologischen, epistemischen und ästhetischen Voraussetzungen.

Öffentlichkeiten
Die verschiedenen Öffentlichkeiten sind im Zusammenhang des Forschungsprojekts nicht nur Gegenstand von Recherche und Analyse, sie spielen ebenso als Partner im Dialog der Kunst eine massgebliche Rolle. So werden sie nicht bloss als Adressat, sondern auch als Medium der Kunst begriffen: Die Werke existieren in den Öffentlichkeiten und durch die Öffentlichkeiten. Die Rezeption durch die Öffentlichkeiten und das öffentliche Bewusstsein von Kunst sind Teil des Systems Kunst selber. Schliesslich wird das Projekt auch vom Anspruch geleitet, Öffentlichkeiten neu zu stiften und verschiedene Öffentlichkeiten (etwa die politische und die ästhetische Öffentlichkeit) miteinander zu verbinden. Die einzelnen Kunstprojekte können als Sensorien verstanden werden, die Konfliktlinien im Öffentlichen aufspüren und ihnen Ausdruck verleihen. Eine Vortragsreihe soll u.a. den Begriff der Öffentlichkeit aus dem Blickwinkel verschiedener Disziplinen kritisch beleuchten und in pragmatischer Hinsicht die Öffentlichkeiten (spezifisch von Zürich) erörtern. Die Öffentlichkeiten sind Partner, Gegenstand und Medium der im Forschungsprojekt geleisteten künstlerischen Arbeit.

Kunst und Kontext
Das vorliegende Projekt leistet einen bedeutenden Beitrag zum Problemfeld des Kontextes als konstitutiven Teils des Kunstwerks. Die Analyse und Evaluation verschiedener relevanter Kontexte (inkl. Öffentlichkeiten) mit ihren jeweils unterschiedlichen Bedingungen, Möglichkeiten und Bedürfnissen bezüglich öffentlicher Kunst erlauben es, Strategien zu erarbeiten, die über die bekannten Formen der Orts- und Systemspezifität der Gegenwartskunst hinausgehen. In gleichem Masse erfahren die Kontexte auch mit Blick auf die Wirkungsmöglichkeit von Kunst erhöhte Aufmerksamkeit. In verschiedenen Kontexten ist auch der Gebrauch (die Funktion, die Bedeutung) von Kunstwerken verschieden. Im vorliegenden Projekt wird u.a. erprobt, ob und wie Kunst im Prozess der Identitätsstiftung (sozialer Gruppen, von Quartieren, Orten, der Stadt) eine Rolle einnehmen kann.

Kunst als Standortfaktor
Kunst ist heute als symbolisches Kapital ein entscheidender Faktor im Standortmarketing. Das vorliegende Projekt verbindet Belange von Kunst und Standortmarketing und leistet darin einen relevanten Beitrag zum Thema "Kunst und Wirtschaft". Der Einbezug der wirtschaftlichen Zielsetzungen in die kritische Reflexion der Kunst bietet die Möglichkeit, eine üblicherweise verborgene Pragmatik der Kunst – implizit oder explizit thematisiert – in die Werke einzugliedern.

Künstlerische Forschung
Das Zentrum des vorliegenden Projekts bildet die autark künstlerische Forschung von 10 eingeladenen Künstlern und Künstlerinnen. Im Feld der Kunst sind es die realisierten Kunstwerke (und implizit ein veränderter, zeitgerechter Begriff von Kunst), die als Resultate des Forschens gelten. Künstlerische Forschung mag von Entwicklungen in anderen Kompetenzbereichen begleitet werden, diese stehen aber nicht im Vordergrund. Das Projekt trägt entscheidend zum (Selbst-) Verständnis künstlerischer Forschung und zur Entwicklung eines zeitgerechten Forschungsbegriffs im Kunstsystem bei.

Institutionelle Forschung und Transdisziplinarität
Beim vorliegenden Projekt handelt es sich um institutionell verankerte Forschung im Feld der Kunst (im Unterschied zur individuellen Arbeit eines einzelnen Künstlers). Es ist ein transdisziplinäres Forschungsprojekt mit Fachpersonen aus Kunst, Wissenschaft und Stadtmanagement mit dem Fokus auf die Hauptdisziplin Bildende Kunst. Das Projekt steht im Zusammenhang eines Forschungsprogramms und garantiert damit Kontinuität und Fachkompetenz. Als transdisziplinäres Forschungsprojekt im institutionellen Rahmen einer Hochschule leistet es auf hohem professionellem Niveau einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der Gegenwartskunst.

Langfristigkeit und Nachhaltigkeit
Das Forschungsprojekt versteht sich als Kick-off-Unternehmen, das mit der Realisierung von Pilotprojekten und der Formulierung eines Leitbildes (Strategiepapiers) eine langfristige Entwicklung von Kunst im öffentlichen Raum befördert. Die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern/innen, Künstlern/innen, Privatwirtschaft, Behörden und städtischen Departementen und Ämtern sowie die Kommunikation mit den Öffentlichkeiten legen den Grundstein für seine Nachhaltigkeit.

Christoph Schenker, April 2004

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1 Der Begriff „Kunst im öffentlichen Raum" erscheint veraltet und findet hier nur in Ermangelung eines adäquaten neuen Begriffs weiter Verwendung. Im Folgenden sind alle Formen im Umfeld von „Kunst des Öffentlichen" und „New Public Art" etc. mitgedacht.

2 Christoph Schenker (Hrsg.): Public Plaiv – Art contemporauna illa Plaiv. Gegenwartskunst im Landschafts- und Siedlungsraum La Plaiv, Oberengadin. Zürich 2002, www.artpublicplaiv.ch→


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(c) Raffael Waldner, Basel 2002
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KUNST
20/07
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