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Vergleicht man die heutige Stadt mit Städten aus früheren Zeiten, wird deutlich, dass Form und Struktur der Stadt – und damit auch die Definition von Stadt – keine Konstante bilden. So, wie sich die Gesellschaft selbst kontinuierlich wandelt, passen die Bewohner die Stadt ihren Bedürfnissen an. Stadt ist damit in erster Linie ein Produkt der jeweiligen Gesellschaft.
Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert hat die Stadt einen grundlegenden Wandel erlebt und eine bis dahin nie gekannte Grösse erreicht.
Dichte, Heterogenität und
Grösse wurden so zu Beginn des 20. Jahrhunderts als die zentralen Kriterien der neuen
Grossstadt definiert.
1 Sie bildete mit der Kernstadt und den Vororten ein eigentlicher Kontrast zum schwach besiedelten, landschaftlichen Umland. Dieses Verständnis von Stadt ist noch heute verbreitet, obwohl der anhaltende
Urbanisierungsprozess insbesondere seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine neue Stadtform entstehen liess, die von der "klassischen" Stadt zunehmend abweicht. Die zunehmende Motorisierung ermöglichte, dass sich die Stadt ununterbrochen ausdehnte: zuerst durch den Prozess der
Suburbanisierung, seit den 1970er Jahren durch jenen der
Periurbanisierung. Die Bewohner zogen von den Städten aufs "Land" und in die neuen städtischen Agglomerationen, und überliessen insbesondere die Stadtzentren dem Dienstleistungssektor.
Der einstige Kontrast zwischen Stadt und Land verlor damit seine Gültigkeit: Die gesamte Schweiz wird heute "Metropole" oder "Stadtlandschweiz" genannt.
2 Jüngste Stadtdefinitionen bezeichnen
solche neue urbane Konfigurationen abwechslungsweise als
Aussenstadt,
Exopolis,
Zwischenstadt,
urban village,
edge city oder
Netzstadt.
3 Alle stehen für die unzähligen grossflächigen und zentrumslosen Gebiete, die sich scheinbar planlos und ohne gestalterische Gemeinsamkeiten am Rande der traditionellen Kernstädte oder aber zwischen den Städten wuchernd entwickeln.
Neben der städtischen Expansion aufs Land – einer eigentlichen Desurbanisierung – und der Bildung riesiger
Metropolitanregionen ist seit einiger Zeit eine
Reurbanisierung zu beobachten.
Zahlreiche Städte haben sich im weltweiten ökonomischen Wettbewerb zu
Global Cities herausgebildet, in denen die
head quartiers multinationaler Konzerne die Weltwirtschaft unter Kontrolle halten.
4 Die Innenstädte haben sich zu nutzungshomogenen
Inner Cities herausgebildet.
5 Für die hochqualifizierten Arbeitskräfte und besseren Steuerzahler wird mit die Stadt mit viel Aufwand saniert und "aufgewertet", während einkommensschwächere Personen sowie Randgruppen aus der Innenstadt verdrängt werden. Die seit den 1980ern zunehmend entleerten Industrieareale werden umstrukturiert und mit Vergnügungs- und Kulturangeboten, aber auch teuren Loftwohnungen neu gefüllt.
Die Folgen der Aufwertung – unter anderem der Anstieg der Boden- und Mietpreise und eine damit verbundene soziale Umschichtung im Stadtgefüge, die als
Gentrifizierung bezeichnet wird – sind in Bezug auf Fragen der Wirtschaftlichkeit und des
Images willkommene Tendenzen.
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Angesichts des Wandels, den die Stadt im Laufe des 20. Jahrhunderts also erfahren hat, scheint es angebracht, beim Gebrauch der Begriffe "Stadt" sowie "städtisch" oder "urban" deren Ausrichtung zu präzisieren. Bezeichnen wir heute einen Ort als besonders städtisch, so können damit unterschiedliche Eigenschaften gemeint sein, die sich entweder
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auf die klassische Grossstadt beziehen (obwohl sie teilweise mit der heutigen Stadt nicht viel zu tun haben) |
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auf ein neues "urbanes Lebensgefühl" beziehen, das derzeit von Tourismusverbänden und Lifestyle-Magazinen hochgelobt wird und insbesondere mit aufgewerteten Stadtteilen mit hohem Dienstleistungs- und Kulturangebot assoziiert werden |
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zu wenig geförderter Dialog mit der breiten Öffentlichkeit (mangelnder öffentlicher Diskurs, mangelnde Vermittlung), |
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auf die ungestaltete Zwischenstadt beziehen, in der insbesondere mit dem Auto grosse Distanzen zurückgelegt werden, um von einem Ort zum nächsten, von einer Attraktivität zu einer weiteren Nutzung zu gelangen.7 |
Bernadette Fülscher, 15. Dezember 2004
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1 Vgl. Louis Wirth, "Urbanität als Lebensform". In: Ulfert Herlyn (Hg.), Stadt- und Sozialstruktur. Arbeiten zur sozialen Segregation, Ghettobildung und Stadtplanung. Nymphenburger Verlagsbuchhandlung, München 1974, S. 42–66 (engl. 1937).
2 Vgl. exemplarisch: Angelus Eisinger, Michael Schneider (Hg.),
Stadtland Schweiz. Untersuchungen und Fallstudien zur räumlichen Struktur und Entwicklung in der Schweiz, Avenir Suisse/Birkhäuser, Zürich / Basel/Boston/Berlin 2003.
3 Einen Überblick über die verschiedenen Theorien dieses neuen Stadtmodells bietet: Bettina Gisler, "Zur Transformation der Stadtentwicklung" In: Christian Schmid, Orlando Eberle (Hg.),
Die Neue Regionalökonomie. Seminarbeiträge, Geographisches Institut der Universität Bern, Bern 2000, S. 143–157.
4 Vgl. exemplarisch: Saskia Sassen,
Metropolen des Weltmarkts. Die neue Rolle der Global Cities.Campus, Frankfurt a.M./New York 1996 (engl. 1994).
5 Vgl. exemplarisch: Klaus Ronneberger, "Konsumfestungen und Raumpatrouillen. Der Ausbau der Städte zu Erlebnislandschaften." In: Jochen Becker (Hg.),
BIGNES?. Size does matter, b_book, Berlin 2001, S. 28–41.
6 Seit den 1960er Jahren beschreibt der Begriff
gentrification die Verdrängung tieferer sozialer Schichten durch höhere als Folgeerscheinung der Aufwertung von Stadtvierteln. Typisch für diese Entwicklung ist, dass in einem ersten Schritt Leute mit tendentiell wenig ökonomischem und mehr kulturellem Kapital die Quartiere beleben, wonach in einem zweiten Schritt solche mit höherem ökonomischem Kapital angesprochen werden. Vgl. exemplarisch: Neil Smith, "Is gentrification a dirty word?", in: ders.,
The new urban frontier. Gentrification and the revanchist city, Routledge, London/New York, 1996, S. 31–47.
7 Rem Koolhaas das Leben in
generic city eindrücklich beschrieben: vgl. Rem Koolhaas, "Die Stadt ohne Eigenschaften", in: Arch+ Nr. 132, Juni 1996, Aachen 1996, S. 18–27 (engl. 1995).
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