Forschungsprojekt KUNST ÖFFENTLICHKEIT ZÜRICH | Grundlagen

Institut für Gegenwartskünste, Zürcher Hochschule der Künste ZHdK
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Carl Buchers Plastiken in der Hardau  zurück→

Der Künstler Carl Bucher (*1935) gewann Mitte der siebziger Jahre den Wettbewerb für die Aussenraumgestaltung der neu gebauten vier Wohntürme in der Hardau. An fünf Orten konnte er, uneingeschränkt von jeglicher Vorgabe, seine eigene, im Atelier entwickelte Formenwelt übertragen, gewissermassen als permanente Einzelausstellung im Freien. Erstaunlichweise scheint es, als wäre gerade dadurch diese "Bodenstücke" in den richtigen Kontext gerückt worden. Im Gespräch mit Carl Bucher vom August 2004 war es die Zerstörung der Natur und der Vietnam-Krieg, die ihn damals beschäftigten. Diese Zivilisationskritik ist für den Kunstdiskurs der siebziger Jahre typisch. Buchers eingesunkene Säulenstümpfe formten eine Reminiszenz an natürliche Landschaften (im Gespräch nannte der Künstler die Gesteinsformationen im Price Canyon) und als Parodie auf den urbanen Lebensraum. Sie bezogen sich also auf den Bauboom der siebziger Jahre. Buchers luftarme Säulen brechen die Hardau-Wohntürme und spiegeln sie zugleich; darin besteht die Innovation der künstlerischen Arbeit. Aus dem heutigen Blickwinkel ist sie nicht veraltet, sondern hat sich im Gegenteil auf die heute Wahrnehmung der Sieglung hin verändert: Die bizarren Plastiken wirken mehr denn je, als wären sie schon immer da gewesen: indem sie die dreissigjährige Hardau-Areal als merkwürdige und zu gewissen Tageszeiten abgeschlossene und verlassene Landschaft jenseits der Peripherie zeigen, in der noch nicht entschieden wurde, ob sie nun reizvoll oder irritierend sei. (SW)

Wettbewerb für den Aussenraum
Für die künstlerische Gestaltung in der städtischen Wohnüberbauung Hardau (Architekt: Max Kollbrunner) wurde im Jahr 1975 ein Wettbewerb veranstaltet, "vier bis fünf Skulpturen für den Aussenraum aufzustellen" (Carl Bucher in einem Gespräch vom 2.09.2004). Dabei handelte es sich "um den grössten Auftrag, den die Stadt Zürich im Lauf der letzten Jahre vergeben hat" (in: Hardau: Umstrittende Plastiken, Tages-Anzeiger, 24. Mai 1977). Hans Fischli (Architekt und Künstler, 1909-1989), Mitglied der vorbereitenden Kommission, lud drei Künstler ein, Entwürfe einzureichen: Carl Bucher, Peter Meister, und eine weitere Person. Aus den drei Vorschlägen wurde derjenige von Carl Bucher ausgewählt. Dazu Hans Fischli: "Wir waren überzeugt, dass Buchers Vorschlag der richtige sei; der Bericht war klug, die Modelle originell, und die Standortvorschläge überzeugten." (Hans Fischli, in: Züri-Leu, 3.6.1977). Unterlagen zu Buchers Vorschlag sind nicht vorhanden.

Nach Aussagen von Carl Bucher weckte seine Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich (1975) das Interesse von Hans Fischli. Fischli war damals Präsident der Ausstellungskommission der Zürcher Kunstgesellschaft. Carl Bucher zeigte dort unter anderem seine ersten "Bodenstücke". Eines davon, "Bodenstück 28" (1974/75), integrierte der Künstler in die Hardau, während er vier weitere extra anfertigte, die aus dem Jahr 1976 datieren.

Beschreibung
Buchers Plastikensemble für die Hardau besteht aus Gruppen und Einzelstücken, die an fünf Orten platziert sind und das Wegstück von der Bullingerstrasse 63 bis zur Bullingerstrasse 60 begleiten.

Jede Gruppe bzw. Figur ist eine Variation von zusammengedrückten oder in sich zusammensinkenden Säulen, die aus weichem Material zu bestehen scheinen, tatsächlich jedoch aus Polyester gegossen sind. Die Bevölkerung nennt Buchers Arbeiten "Elefantenfüsse" aufgrund ihrer wuchtigen Form und faltigen Oberfläche.

Die Figur "Weicher Brunnen" steht zwischen Bullingerstrasse 63 (Hochaus) und 57 (Altersheim). Eine Säule mit Wasserhahn sitzt auf einem Kissen.

Die zentrale Gruppe "Joy" ist eine Brunnenskulptur. Aus einem flachen Becken ragen acht unterschiedlich hohe, eingedrückte Säulen (höchste Säule: 340cm). "Joy" steht auf der zentralen Platzanlage neben dem Bistro und Bullingerstrasse 63.

Die Gruppe "Last" befindet sich ebenfalls an der zentralen Platzanlage, vor dem Bistro und Bullingerstrasse 73. Vier Säulen, deren Nähte aufzuplatzen scheinen, tragen eine Cortenplatte, welche sie zusammendrückt und nach innen sinken lässt.

Die Figurengruppe "Blöcke im Sand" befindet sich auf der Brücke zwischen der zentralen Platzanlage und der Bullingerstrasse 60. Ursprünglich war sie in einem Sandspielplatz integriert, heute versinken die Säulenstümpfe im Rasen links und rechts der Wegführung.

Vor dem Hochhaus Bullingerstrasse 60 steht "Bodenstück 28" in Kissen. Eine Säule sitzt auf einem Kissen und verjüngt sich gegen unten, als würde ihr von einer Faust Luft abgepresst.

Statement des Künstlers
"Als ich den Auftrag für die künstlerische Aussenraumgestaltung der Hardau ausführte, konnte ich meine Vorstellungen von dem Verhältnis zwischen Plastik und Hochhaus kompromisslos verwirklichen. Es ging darum, meine Formen- und Erfahrungswelt in die Umgebung der Hochhäuser zu übertragen. Von Anfang an war mir klar, dass meine Plastiken nicht in einem Gegensatz zu den Hochhäusern stehen durften. Jede Kontrastform wäre von der monumentalen Architektur zerdrückt worden. Meine Formen mussten in ihrem Ausmass und in der Struktur ihrer Oberfläche mit deren rotbrauner Farbe in einer Beziehung zu den Hochbauten stehen. Gegenüber den Hochhäusern erscheinen meine Formen kissenartig weich. Dabei sind sie aus ganz hartem Material. Der Dialog zwischen hart und weich folgt dem Gespräch zwischen den Plastiken, Hochhäusern und Menschen – die Monumentalität der Hochbauten wird durch die Skulpturen aufgefangen und auf ein menschliches Mass reduziert." (Lambrigger, S. 226f.)

Künstlerische Biographie
Carl Bucher (*1935) wurde Mitte der sechziger Jahre als Künstler aktiv. 1964 und 1976 gewann er das eidgenössische Stipendium, 1967 und 1968 das Kiefer-Hablitzel-Stipendium. 1966 und 1969 zeigte ihn die Galerie Bischofsberger in Einzelpräsentationen. 1970 wurde ihm das Stipendium des Conseil des Arts du Canada verliehen, worauf der Künstler für 15 Monate in Montréal und Toronto arbeitete. 1971 fanden in Montréal (Musée d’Art Contemporain) und New York (Museum of Contemporary Crafts) die ersten Einzelausstellungen in Institutionen statt, gefolgt von weiteren in der Vancouver Art Gallery, in Washington und Los Angeles. 1975 zog das Kunsthaus Zürich nach.

Die Ausstellung im Kunsthaus galt als kleine Sensation, was sowohl in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), im Tages-Anzeiger als auch im Züri Leu zu lesen war. Dieser berichtete am 29. August 1975: "Der Anlass ist bemerkenswert. Das Kunsthaus hat sich bisher in der Präsentation noch lebender oder noch nicht mit Ehren überhäufter einheimischer Künstler eher vornehme Zurückhaltung auferlegt. [...] Das Institut öffnet sich für Künstler, deren Ruf das Haus noch nicht des Risikos enthebt, eventuell auf einen Falschen zu setzen."

Im gleichen Jahr repräsentierte Carl Bucher die Schweiz an der XIII Biennale in Sao Paulo und gewann den ersten Preis der internationalen Jury. 1976 wurde ihm der Auftrag für die Hardau erteilt, und zugleich fand eine Ausstellung zusammen mit Rolf Iseli und Urs Lüthy im Museu de Arte Moderna, Rio de Janeiro statt. Auf internationalen Gruppenausstellungen war der Künstler bis 1978 präsent (Wien: "Kunstszene Zürich" im Künstlerhaus am Karlsplatz und Toronto: "Sculpture Today", 10. Internationales Bildhauer-Symposium). In der Schweiz nahm er an Ausstellungen von Willy Rotzler und Peter Killer teil, zuletzt an der 7. Schweizer Plastikausstellung in Biel 1980. Schliesslich schenkte die Stadt Zürich im Jahr 1981 die monumentale Skulpturengruppe "Versteinert VI", auf einer Bank sitzende, lebensgrosse Einzelfiguren vor imaginärer Gefängniszelle, an das internationale Museum des Roten Kreuzes in Genf. Danach wurde es ruhiger um Carl Bucher.

Der Künstler lebt und arbeitet in Zürich.

Restaurierung im Jahr 2000
1997 plante die Stadt Zürich eine Wohnumfeldverbesserung der Siedlung Hardau. In diesem Zusammenhang empfahl die Kunstkommission der Stadt Zürich den Erhalt und die Sanierung von Carl Buchers Plastikensemble. Im Jahr 2000 erteilte die Stadt Zürich dem Architekten Gerold Loewensberg den Auftrag zur Neugestaltung des Aussenraums und zur Verlegung der Eingänge der Wohntürme (Details zur Wohnumfeldverbesserung siehe http://www.loewensberg.ch/html/umbauten/218_hardau/hardau_beschrieb_1.html). Da insbesondere die zentrale Brunnenanlage "Joy" und die Gruppe "Blöcke im Sand" stark beschädigt waren, mietete Bucher eigens ein Atelier in der Nähe an, um alle Skulpturen zu renovieren und mit einem neuen wetterharten Material zu überziehen. In der Neuplatzierung wurden alle Skulpturen – mit Ausnahme der zentralen Brunnenanlage – in Absprache mit dem Künstler leicht verschoben. Auch wurde ein nächtliches Beleuchtungskonzept für die grossen Skulpturen erarbeitet, das letztlich jedoch aus Kostengründen fallengelassen wurde.

Rezeption der Presse und der Hardau-BewohnerInnen
Carl Bucher hatte in den siebziger Jahre einen beachtlichen internationalen Erfolg, der sich ab 1975 auch in der Schweiz niederschlug. 1975/76 stand der Künstler auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Seine Ausstellung im Kunsthaus Zürich von 1975 unter dem neuen Kurator, Felix A. Baumann, eröffnete den "neuen Stil des Hauses: Ein Schweizer Künstler muss nicht mehr unbedingt ein ehrwürdiges Alter erreichen, bis sich im die ‚Pforten des Tempels’ öffnen" (Fritz Billeter, in: Ein Ineinanderspielen von Spass  und von Pathos, Tages-Anzeiger vom 1. September 1975). Auch Hans Fischli gehörte, laut Aussagen des Künstlers, zu seinen grossen Förderern. In der Presse wurden Buchers Arbeiten wegen der eigenwilligen, der Pop-Art verpflichteten "Zweideutigkeit" zwischen "Fun" und "Ernst" (Billeter) gerühmt; in der NZZ wurde Buchers Experimentierlust gelobt, anderswo galt der Künstler als "Kunst-Ausprobierer", der "Amok gegen zementierte Erwartungen läuft" (in: Tagblatt, 3. Oktober 1975).

Die Skulpturen Buchers wurden in der Presse durchweg positiv besprochen. So schrieb die Weltwoche am 8. Juni 1977, die Skulpturen würden zwei Funktionen erfüllen: "Eine für das Auge und eine für das Bewusstsein. Zürich jedenfalls ist um eine Sehenswürdigkeit reicher." Auch der Tages-Anzeiger nennt das künstlerische Gesicht der Arbeit "ungewöhnlich". Zweifellos seien sie am richtigen Platz: "Die rotbraune Farbe ihrer Oberfläche passt zur Fassadenfarbe der Siedlung, und die aufragenden, monumentalen Säulenplastiken nehmen ein witziges Gespräch mit den Turmbauten Max Kollbrunners auf." Die ambivalente Reaktion der Bewohner wertete das Blatt als notwendige Gewöhnungszeit an neue Kunstkwerke (Peter Killer, in: Hardau. Umstrittene Plastiken, Tages-Anzeiger vom 24.5.1977).

Eine Reaktion der Bewohnerschaft zur Aussenraumgestaltung Buchers in der Hardau wurde erst nach der Aufstellung der Plastiken eingeholt, dann aber im Fernsehen DRS, mit Fachleuten und dem Künstler, in einer Live-Sendung übertragen. Noch immer pflegen die Bewohner der Hardau eine ambivalente Beziehung zu den "Bodenstücken". Während sich die Brunnenskulptur "Joy" grosser Beliebtheit erfreut, stossen die übrigen Plastiken nach wie vor auf Unverständnis und Ablehnung. Zusätzlich verdunkeln die Arbeiten ihrer Grösse wegen die Wege und Plätze, was von einigen BewohnerInnen als Bedrohung der Sicherheit wahrgenommen wird.

Susann Wintsch/Bernadette Fülscher, 22. Dezember 2004

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Literatur
Rolf Lambrigger, Zürich. Zeitgenössische Kunstwerke im Freien, Zürich 1985, S. 226-27.
Carl Bucher. Monografie. Zürich und Bern: Benteli Verlag, 2001.

Film über die Rezeption in der Hardau
Roy Oppenheim und Peter K.Wehrli: "Argumente", 60 Minuten-Sendung im Fernsehen DRS. Streitgespräch zwischen den Anwohnern der Hardau und Kunstfachleuten über Carl Buchers Skulpturen. Regie: Werner Gröner, 1977.


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(c) Raffael Waldner, Basel 2002
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