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KUNST ÖFFENTLICHKEIT ZÜRICH | Materialien | Marcel Meili: Schliessung der Stadt Zürich  
Forschungsprojekt KUNST ÖFFENTLICHKEIT ZÜRICH | Materialien

Institut für Gegenwartskünste, Zürcher Hochschule der Künste ZHdK
Hafnerstrasse 39, Postfach, CH-8031 Zürich, Tel +41 (0)43 446 61 01
Zürcher Disputation zum öffentlichen Raum: Vortrag gehalten am 28.10.1994 

”Wir fordern die sofortige Schliessung der Stadt Zürich”
(Dada 1918, nach Gottfried Honegger 1986)
Vortrag von Marcel Meili

Was hat das Wildparkieren mit dem Sechseläuten zu tun, was verbindet die Plakatwand mit dem unbekannten Plakatkleber? Sechseläuten wie Wildparkieren sind Formen der Besitzname des Stadtraumes. Aber mehr noch: Es sind Formen von Öffentlichkeit ganz allgemein. Es sind zwei von vielen Mustern, mit denen diese Bewohner ihr Zusammenleben regeln. ”Nichtregeln” werden die Polizisten unter Ihnen murmeln. Immerhin, ein Neapolitaner wäre wohl anderer Meinung. Und ich kann mir auch schwer vorstellen, dass  die Leute in Sao Paulo ein Fest von verkleideten Ehrenmänner, das sie alle vor der Türe lässt, als legitimen Grund für eine totale Verkehrssperrung unter dem Titel ”Volksfest” verstehen würden. Es ist, denke ich, unmöglich, über den öffentlichen Raum zu reden, ohne über das zu reden, was diesen Raum schafft: im kulturellen Sinn ist es die Art und Weise, wie in einer Stadt Oeffentlichkeit  gelebt wird. Und räumlich betrachtet ist es die städtische Architektur.

 Was Zürich betrifft, lassen Sie mich mit einer Hypothese  beginnen: Die Konflikte im öffentlichen Raum, von denen die Einladung spricht, sind auch die Rechnung an eine Stadt, die sich immer gesträubt hat dagegen, Stadt zu werden. Es sind Konflikte, die die Wurzeln auch in einem Zustand haben, den man unvollständige  Urbanisierung  nennen könnte.

Das liesse sich bereits aus den Konflikten selbst herauslesen. Diese brechen immer dann aus, wenn moderne städtische Phänome, wie sie überall auftreten, den Raum zu beschlagnahmen beginnen. Dann treten sie in Spannung zu einem Bild der Stadt, das sich nicht grundlegend von jenem unterscheidet, das uns die Photographien oder die Filme der 50er und 60er Jahre vermitteln. Zwar ist von diesem Bild der ruhigen und überblickbaren Stadt äusserlich kaum noch etwas zu erkennen. Aber es bricht immer dann wieder hervor, wenn es als Bild in den Köpfen herausgefordert wird. Seien es die Kommerzialisierung von Fassaden, offene Kunstaktionen, das Sprayen, ein schlecht geordnetes Nachtleben, was auch immer. Im Grunde hat die Stadt nie über ein Erdulden dieser Erscheinungen hinausgefunden.

Natürlich müssen da Widersprüche zurückbleiben. Die Form, in der diese Widersprüche unterdrückt werden, ist ein typisches Merkmale hiesiger Kultur. Sie ist eine Metapher für öffentliche Befindlichkeit. Es scheint nämlich, als ob die verlorene Kontrolle über den Stadtraum als Ganzes kompensiert wird durch Ansprüche an einzelne Orte und Räume. Ich kenne keine andere grosse Stadt, in der jeder Quadratzentimeter Boden, jeder Kubikmeter Raum derart dicht mit Interessen überzogen wäre. In Zürich scheint jeder Ort neben seiner sichtbaren Form eine ”unsichtbare Gestalt”  aufzuweisen. Diese unsichtbare Gestalt ist die Summe aller Bilder und  Erwartungen, welche gleichsam wie Projektionen über den Strassen und Plätzen liegen. In diesen Projektionen sind all die erfüllten und unerfüllten Wünsche von Bewohnern dieser Stadt aufgehoben, von Gruppen, Unternehmen, Behörden, Besuchern. Würden wir diese verborgenen Bilder eines einzelnen Ortes gleichzeitig sehen, so könnten wir erkennen, dass sie voller Widersprüche sind. Sichtbar werden diese Konflikte immer erst im Augenblick des Eingriffes. Jeder, der in diesem Raum anders tätig wird als bisher, kriegt dies zu spüren: er stört nicht einen Kreis, sondern gleich ein Dutzend, und in diesem Moment entpuppt sich die beschauliche Ordnung als höchst provisorisches und explosives Gleichgewicht, durch welches sich unterschiedlichste Gruppen notdürftig gegenseitig in Schach halten. Es ist dies ein aggressiver Frieden, und wer nur einmal  einen Baum fällen musste, der weiss wovon ich spreche. Er spürt dann nicht nur die plötzliche Aggression gegen sich, sondern auch unter jenen, welche dieses Territorium zu bewachen glauben.

 Ich glaube nicht, dass diese dichte Besetzung des Terrains ausschliesslich wirtschaftliche Gründe hat. Ich denke, dass in dieser Form der Besitznahme des Stadtraumes letztlich die ländlichen Wurzeln dieser Stadt fortleben. In dem Ausmass, in dem die Stadt die Herrschaft über ihren Raum als Ganzes eingebüsst hat, scheinen  Bewohner und Gruppen die Orte ihrer Hoffnungen durch Kontrolle zu beanspruchen, und sei es nur für das eingebildete Vertraute. Es ist unnötig zu betonen, dass in diesen Bildern eine Menge Verdrängung  an städtischen Problemen begründet liegt. 

 Unter dem diffusen Druck dieser Bilder neigen schliesslich alle Orte der Stadt dazu, sich zur Gleichform zu entwickeln. Es entsteht jener ”Überall-Ort” von Zürich, dort, wo sich der Stein einer Fassade, ein Baum, der Asphalt und das Blumenbeet, die Reklame und ein Zaun irgendwie ratlos gegenseitig beargwöhnen. Wir alle kennen diesen Ort, er liegt überall und nirgends. Ein neuer Raum wie beim Bahnhof Enge darf deshalb kein Platz werden. Im Gegenzug können wir ja dann draussen in der Vorstadt eine undefinierbare Kreuzung ”Sowieso-Platz” nennen, und daneben ein Cafe  einrichten, mit Granitplattenbelag davor.  Dieser Druck lässt eine Stadt zurück, der alle Merkmale grosser Städte fehlen: Orte ganz unterschiedlicher Intensität und mit verschiedenem Charakter, vage Territorien, die noch nicht wissen, was sie einmal werden sollen; und Orte von dichtester Urbanität, in der die Wucht der Strassen und die Fluchten der Häuser jede Ahnung von etwas Einzelnem, Vereinzelten in sich aufsaugen. In Zürich ist es umgekehrt: das Einzelne saugt das Allgemeine auf.

 ”Verdrängen” habe ich das genannt, und dafür gibt es zumindest einige, teils traurige Hinweise. Fast überall dort, wo urbane Erscheinungen sich schliesslich doch  noch Raum verschaffen, da geschieht das gewissermassen katastrophisch, in Form des Zusammenbruchs von Kontrolle. Immer dann, wenn die Stadt mit einer neuen Spirale von Urbanität konfrontiert wird, dann scheint die Oeffentlichkeit von einem Reflex der Abwehr ergriffen. Der absurde Slogan der Dadaisten hat diesen Reflex präzise vorweggenommen: ”Wird fordern die sofortige Schliessung der Stadt Zürich”.

Sehen Sie, ich will dieses Syndrom gar nicht einfach mit einer billigen Polemik abtun. Ich denke nur, dass diese ”unvollständige Urbanisierung” Zürichs noch in wesentlich weitreichendere Konflike hineinspielt als gescheiterte Kunstaktionen oder jene Rabatten, die uns Architekten ärgern. Selbst in Bedrängung neigt Zürich dazu, die Provokationen einer grossen Stadt mit den Techniken und dem Selbstbewusstsein eines Dorfes zu lösen. Es ist diese Tradition, die sich unendlich schwertut, die Entwicklungen zu verarbeiten, die letztlich in der Stadt selbst angelegt sind: Die Anonymität, die Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichem, die Konzentration und die gleichzeitigen zentrifugalen Kräfte. Dieser Mangel an städtischem Selbstvertrauen führt immer dazu, dass jene urbanen Entwicklungen, die doch auf uns zukommen, einfach von uns Besitz ergreifen.

Es ist offensichtlich, dass damit eine Kluft beschrieben ist. Das Auseinanderfallen zwischen dem, was die Stadt tatsächlich vorantreibt und den Mitteln, mit der man diese Dynamik zu beherrschen versucht, hat zuweilen durchaus abstruse Züge angenommen. Man kann das  auch in der Architektur  ablesen. Es muss die Frage erlaubt sein, ob und wie es in Zürich in den letzten 20 Jahren gelungen ist, jene Kräfte für die städtische Gestalt  zu gewinnen, von der die Stadt so oder so ergriffen worden ist. Ein Streifzug durch die grossen Baustellen dieser Zeit lässt diese grob in zwei Klassen unterteilen:

Es sind erstens die grossen urbanen Bewegungen, die letztlich durch nichtstädtische Instanzen an den Interessen der Stadt vorbei entwickelt worden sind. In ihnen kann man, was immer die Gründe gewesen sein mögen, höchstens noch das gescheiterte Bemühen herauslesen, den Belangen der Stadt Achtung zu verschaffen. Dazu zählen kommerzielle Planungsoperationen wie etwa der Bürokomplex bei der Sihl oder einige Verwaltungsbauten in Altstetten. Es gehören dazu aber auch etwa der faktische Auszug beider Hochschulen aus der Stadt. Bis heute vermag ich nicht zu verstehen, wie eine Stadt den Wert zweier Villen aus dem 19. Jh. höher einschätzen kann als die Präsenz eines wichtigen Teiles ihrer Universität. Damit und mit dem Abgang der ETH nimmt Zürich seine eigene Entstädterung in Kauf.

 Mehr noch interessieren mich aber die grossen öffentlichen Baustellen im Innern der Stadt. Als Beispiel mag die S-Bahn dienen. Diese Struktur ist das bei weitem bedeutendste urbane Bauwerk von Zürich in den letzten 30 Jahren. Das hat nichts mit Wünschbarkeit zu tun. Die Errichtung einer solchen Verkehrstruktur stand eigentlich gar nicht zur Wahl, sie war letztlich unvermeidlich. Ohne Zweifel hat sie auch zwei der wenigen bedeutenden Architekturen dieser Zeit hier hervorgebracht, den Bahnhof Stadelhofen und vielleicht die Hauptbahnhofhalle, obwohl man selbst das seine Zweifel haben darf. Erstaunlicherweise hat aber der Eingriff als Ganzes kaum Folgen gehabt auf die Struktur der Stadt. Ein Eingriff, der die Bewegungen in der Stadt derart radikal verändert, der eine urbane Plattform von solchen Ausmassen schafft, scheint wie umhüllt von einem Dispositiv der Abwehr. Natürlich gehört dazu die Geschichte des Bahnhof Südwest, die wir alle kennen. Aber im Grunde betrifft es noch viele andere Orte auch, das Habis-Royal, das Globus-Provisorium, das AJZ-Areal. Im Grunde scheitern hier alle Projekte, welche ihren Keim im Versuch haben, die Folgen einer solchen Veränderung in ein neues Stück Stadt zu übersetzen. Sie verkeilen sich in jenem lähmenden Schach der politischen und wirtschaftlichen Kräfte, oder sie enden in einem denkmalpflegerischen Kompromiss.

Dieser städtebauliche Kompromiss hat heute eine Metapher gefunden: die Haut. Es ist die Fläche, welche den Strassenraum  vom Innern der Häuser trennt, das Öffentliche vom Privaten, den Stadtraum von seinem Untergrund, das Erwünschte vom Erlittenen. Um diese Oberfläche wird mit grosser Intensität gestritten, als ob dies Städtebau wäre. Noch anschaulicher als die ausgehöhlte Fassade ist die Haut des Bodens, welche den lieblichen Stadtraum von all den wuchernden Operationen im Boden trennt. Er verdeckt die grossen Parkgaragen und ganze Infrastrukturen, ist manchmal grün oder hat einen einfühlsam entworfenen Plattenbelag. Vor allem aber kann man förmlich die Spannung spüren, unter der diese Haut steht, weil sie für einen lokalen Frieden verantwortlich ist. Zuweilen wirkt dann der Boden wie aufgeblasen, weil er von den Bauwerken darunter unter Druck gesetzt wird, wie etwa über dem Bahnhof Museumstrasse.  Oder die Haut scheint geritzt und verwundet wie im Ircheldreieck, weil sie das Wühlen der Bauwerke darunter nicht mehr zu überspannen vermag. Diese Spannung ist ein Ergebnis mühsam verborgener Gewalt. Die Haut, so könnte man sagen, trennt notdürftig das Notwendige vom Erhofften. Wenn sie nicht wissen, was ich meine, so schauen Sie sich die neuen Wohnungen über der Üetlibergbahn an, dort wo sie beim Bahnhof Selnau in die Erde sticht. Die Qualität der Architektur steht nicht zur Debatte, zweifellos. Aber Sie können auch sehen, wie wenig wir im Grunde mit solchen urbanen Gebärden anfangen können, wie es das Versinken einer Hochbahn in der Erde darstellt. 

Lassen Sie mich dazu noch ein Beispiel aus der Zukunft anschneiden: Der Fall Züspa. Ich weiss von diesem Fall nur, was öffentlich bekannt ist: dass Zürich als Messestadt beinahe ausmanövriert worden wäre und dass man jetzt darauf reagieren will. Bemerkenswert daran ist, dass es dazu kaum eine wirkliche städtebauliche Auseinandersetzung gibt in der Öffentlichkeit. Ich denke, das wäre aus doppeltem Grund angebracht. Auch ein Messegelände gehört zu den urbanen Fakten einer Stadt und es trifft das Quartier des Hallenstadions. Dieses Stadion ist eines der raren Symbole, die genau für den andern Geist stehen, für den einer modernen, städtischen Erweiterung. Oerlikon ist vielleicht das einzige Aussenquartier, das seine ländlichen, dörflichen Züge abgelegt hat, und das Stadion steht für eine moderne Form peripherer Urbanität. Nicht mit Plätzen oder Parks, sondern als ein Zentrum, dessen Aktivitäten des Sports, der Unterhaltung und der Ausstellung bis heute ausstrahlen auf das Quartier. Dies ist es, was dieses eindrückliche Stück Architektur zum Denkmal macht. Nun fordert der Messestandort, der schon bisher kaum ein räumliches Verhältnis gefunden hat zu dieser Architektur, eine Erweiterung. Auch dies ist eine moderne Entwicklung. Im Grunde sind es solche Veränderungen, welche viel eher den Streit um Zürichs Zukunft als herausfordern müssten als etwa  die Häuser am Kreuzplatz. Vielleicht wird der noch stattfinden, ich weiss es nicht, aber viel eher muss man zum Schluss wohl froh sein, wenn dem Stadion nicht allzuviel geschieht. Kaum wagt man zu hoffen, dass aus den neuen Hallen ein Denkmal werde für unsere Zeit.


Das Hallenstadion weist noch auf etwas anderes hin. In Zürich gab es durchaus eine Zeit, die Ansätze zur einer modernen Form von Urbanität entwickelt hat. Wie andere junge Städte auch, wie Berlin etwa oder Stuttgart, war es eine Form, welche die Stadt als Schichtengebilde hingenommen hat, als parallele Ablagerung von historischen, ständischen, industriellen und neuzeitlichen Architekturen. Sie war immer auch geprägt vom Eindringen der Natur in den Stadtraum und hat vielleicht gerade deshalb an andern Orten steinerne Kerne gebildet. Diese Ueberlagerung war typisch für Zürich und sie verantwortete die eindrückliche Offenheit der städtischen Struktur. Noch heute sind deren Qualitäten zu spüren oder zu erahnen, an der Limmatstrasse zum Beispiel, beim Stadelhofen oder bei der Sihlporte.

 Bezeichnenderweise hat diese Phase der Stadtwerdung im biedermeierlichen Kompromiss des genossenschftlichen Schwammendingen ihren Abschluss gefunden, in dem sich die ländliche Kultur der Zuwanderer erneut durchgesetzt hat. Immerhin, es war die letzte Phase, in der die Architektur der Stadt ein öffentlicher Belang, ein politisches Faktum gewesen war. Mit dem Auseinanderbrechen diese Kompromisses hat eine Entwicklung begonnen, die schliesslich in den heutigen Zustand ausmündet. Die städtische Architektur, welche vor allem andern für die Beschaffenheit des öffentlichen Raumes zuständig wäre, sie ist faktisch zur Privatsache geworden. Im Grunde ist sie heute eine Subkultur, nicht im Sinne des Untergrundes, aber eine Kultur wie viele andere auch. Ihre politische Erörterung zerfällt in ein Verwalten von unzähligen Einzelfällen, in dem plötzlich alles gleich wichtig oder unwichtig erscheint, und deren Bewältigung vom Verhindern des schlimmsten geprägt ist.

Keinesfalls wünsche ich mir diesen alten Kompromiss zurück heute. Auf diese Art kann man nicht mehr über Architektur reden, wo es niemanden mehr zu beglücken oder aufklären gilt; wo es eher darum ginge, zwischen zerstreuten Erfahrungen und diffusen Wünschen zu vermittlen, listige Allianzen zu bilden, verdeckte Fakten und Sichten freizulegen, vielleicht sogar mal eine Verschwörung zu riskieren. Nichts von dem gibt es hier und heute. Am Bau dieses Nullzustand sind, darum herum komme ich nicht, auch die Architekten selbst, also wir, wesentlich beteiligt gewesen in den letzten Jahren. Die Architekten waren an Oeffentlichkeit genausowenig interessiert wie die Oeffentlichkeit an ihnen. Sie haben nichts dazu beigetragen, neue Strategien der Debatte zu entwickeln, welche jenen hausbackenen Handel der 50er Jahre ersetzen könnte. Und anstatt zu streiten und zu buhlen nahmen sie es hin, sich in ziemlich konfuse Einzelprobleme verstricken zu lassen. Im  Kampf um das einzelne Obiekt wird dann der Baum auf der Vorfahrt wichtiger als der Typ des Gebäudes, die Reklame auf der Fassade beschäftigt mehr als die Frage, ob ein Haus richtig steht, was es ausstrahlen könnte oder welches sein Charakter in der Strasse ist.


Noch etwas anderes wirft ein Licht auf den Zustand einer zerfallenen Architekturdiskussion. Die gebaute Stadt scheint wie abgeschnitten von den Dingen, die ausserhalb ihrer Grenze untersucht werden. Das Wirken einer renommierten Architekturschule scheint kaum Spuren zu hinterlassen, die neue Schweizer Architektur, mittlererweile ein Markenzeichen in halb Europa, findet überall statt, ausser in Zürich. Und es gabe sogar bedeutende Architekten im Ausland, hört man sagen. Wahrscheinlich sind solche exemplarischen Leistungen hier gar nicht gefragt. Das lässt sich bis in die Zeitung hinein verfolgen: Das Feuillton der NZZ pflegt seit langem die Sicht auf die spannendsten internationalen Architekturen,  aber kaum gehts um das Gebaute hier, so ist dann die Lokalredaktion zuständig: mit einem dieser unerträglichen PR-Artikel, wenn wieder eine Versicherung einen Rechnertempel in einem Aussenquartier eröffnet.

Ich habe versucht, eine Kluft zu beschreiben, die Kluft zwischen den tatsächlichen städtebau-lichen Bewegungen und der Art, wie diese Bewegungen als Schock in der Öffentlichkeit verarbeitet oder zerstückelt oder verdrängt werden. Im Grunde sind die politischen Mittel zur Kontrolle der Dynamik weitgehend verspielt, nicht nur hier. Im Krassen dieser Lage liegt wohl weniger die Chance als der Zwang, neue Wege zu untersuchen: dafür sorgen schon die Voraussetzungen. Heute werden die Veränderungen der Städte in einem noch nie dagewesenen Ausmass von einem wirtschaftlichen Kalkül beherrscht. Diese Faktoren waren immer die bedeutende Kraft hinter jeder Stadtwerdung, ohne sie ist keine Stadt denkbar. Aber ihnen stand einmal die politische Instanz, die öffentliche Kultur gegenüber, in der die Interessen der ”Polis” als Ganzes einmal aufgehoben waren. Es gab vermutlich noch keine Phase, zumindest im modernen Europa nicht, in der diese öffentliche Kultur der Oekonomie derart geschwächt gegenüber getreten ist, auch finanziell. Dies trifft für alle Städte zu. Vielleicht ist Zürich aber schlechter vorbereitet darauf.

Diese Not müsste nicht nostalgisch, sondern erfinderisch machen. Mag sein, dass darin doch eine gewisse Chance besteht. Es könnte sein, dass uns schliesslich die wirtschaftliche Lage dazu zwingt, vom Bild der Stadt als grosse Wohnung Abschied zunehmen, wo die Bauten wie Nippsachen auf der Fensterbank herumstehen, alle gleich wichtig oder gleich belanglos. Die Lage wird eine Besinnung erfordern auf weniges, was die Stadt und ihre Zukunft ausmacht, und wie es durchzusetzen ist. Es wird Tricks brauchen und Unverfrohrenheit, und unanständige Bündnisse. Soweit ich sehe gibt es im Moment nur drei Merkmale, welche alle halbwegs erfolgreichen politischen Bemühungen zum Stadtraum in Europa miteinander verbinden.

Es sind dies:
1. die Konzentration, auch die Konzentration der wenigen Mittel, auf wenige, wesentliche Fragen, von deren Lösung eine exemplarische Ausstrahlung ausgeht.

2. der oft verzweifelte Versuch, private Mittel in einen öffentlichen Handel einzubinden, indem man neue Gleichgewichte zwischen wirtschaftlichem Reiz und öffentlichem Interesse in diesen Handel einschreibt.

und 3. schliesslich der Abschied von der Hoffnung, durch allgemeine gesetzliche Regelungen die Dynamik der Stadtentwicklung abschliessend kontrollieren zu können. Statt dessen werden im Gegenzug Wege gesucht, um alle rechtlichen, politischen und fachlichen Kräfte auf den jeweiligen konkreten Fall hin zu bündeln, um öffentliche Interessen bestmöglich zu verwirklichen. Wenn eine Stadt gebaut ist, dann heisst das auch, dass jeder Eingriff in eine konkrete, unverwechselbare Situation erfolgt. Dass das Gesetz diese Qualität nicht erzeugt, das wissen wir heute. Die Erfindung neuer, unbekannter Instrumente erfordert nicht nur Phantasie, sondern auch den Mut, eine gescheiterte politische und rechtliche Hoffnung preiszugeben.

Keine dieser Strategien ist ganz neu, auch für Zürich nicht. Alle sind schwierig vorstellbar oder gar bitter, gerade in einer Stadt, die es gewohnt war, ihre städtebauliche Belange weitgehend zu kontrollieren. Natürlich kann man auch hier Ansätze zu solchen Schritten sehen, in Oerlikon und anderswo. Dass es so schwierig  ist, ihnen Kraft und Geschwindigkeit zu verleihen, zeigt, dass der Weg mehr von Misstrauen und Angst geprägt scheint als von vergeschlagenem Mut, in der Oeffentlichkeit wie in der Verwaltung.

Ich fürchte allerdings, dass wir schliesslich gar keine andere Wahl haben, als uns doch noch auf die paar hiesigen urbanen Qualitäten zu besinnen, aus denen sich vielleicht eine grosse Stadt entwickeln lässt: Eine Offenheit der Stadtstruktur und einen nach wie vor spürbaren Hang zur Knappheit, Sachlichkeit und Rationalität. Auf der andern Seite werden wir nicht darum herumkommen, ein Bewusstsein für die Unterscheidung zwischen wichtigen Zusammenhängen und unwichtigen Einzelfällen zurückzugewinnen, zwischen unserer Angelegenheit und jener von andern, zwischen Regel und Ausnahme. Und nicht zuletzt: indem wir uns auf Weniges konzentrieren, werden wir  auch mit dem ziemlich unschweizerischen Gefühl für das Unbestimmte, das Zufällige, Fremde, Nichtkontrollierte - oder nicht von uns Kontrollierte - leben zu müssen, gelassen und neugierig. Alle diese Faktoren werden zusammen, so scheint es, eine gewisse Form der Urbanität, von städtischer Öffentlichkeit erzwingen, zumindest so lange wir die Absicht haben, aus Zürich eine grosse Stadt zu machen und nicht einfach eine grosse Infrastruktur.



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(c) Jules Spinatsch, Collection Nr. 118, CH 1999
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19/07
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