Skulptur „Cube“ als Geschenk an die Stadt Zürich – Standortsuche

Eine Dokumentation der Zürcher Standortsuche für die Skulptur „Cube“ des amerikanischen Minimal-Art- und Konzeptkünstlers Sol LeWitt (1928–2007), welche ein Geschenk an die Stadt Zürich war.

Politisches Hin und Her

Zitate aus der Korrespondenz zwischen der Stadtverwaltung, der Stadtregierung und der Walter A. Bechtler Stiftung

Geschenk an die Stadt Zürich

Brief Walter A. Bechtler Stiftung an Stadtpräsident Thomas Wagner, 7.12.1984
«Wie Sie wissen, ist es Zweck der Walter A. Bechtler Stiftung, zeitgenössische Skulpturen auf öffentlichem Grund der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Zwei bedeutende Werke der Stiftung sind beispielsweise: die Heureka von Jean Tinguely beim Zürichhorn sowie die im Jahre 1978 fertig gestellte Fanfare von Robert Müller vor dem Kunsthaus Zürich.
Wir möchten nun durch die Stiftung ein neues Werk der Zürcher Öffentlichkeit zugänglich machen, und zwar handelt es sich um eine Plastik der Kunstrichtung «Minimal Art» des weltbekannten amerikanischen Künstlers Sol LeWitt. (…) Es ist uns gelungen, Sol LeWitt zu gewinnen, das Werk für Zürich zu Verfügung zu stellen. (…)»

Stellungnahmen Kunstkommission der Stadt Zürich

Brief Kunsthaus-Direktor Felix Baumann an Willy Rotzler, Präsident der Kunstkommission, 31.5.1985
«(…) Es liegt mir daran, Ihnen zum Ausdruck zu bringen, dass ich mich ausserordentlich freuen würde, wenn «Cube» in Zürich platziert werden könnte.
(…). Ich bin überzeugt davon, dass die volle Wirkung der überaus einfachen geometrischen Skulptur nur imKontrast zu einer nichtarchitektonischen Umgebung, mit andern Worten, nur im Grünen voll
zu Geltung gebracht werden kann. (…)»

Brief Präsident der Kunstkommission Willy Rotzler an Stadtpräsident Thomas Wagner, 2.6.1985
«Mit grosser Freude hat unsere Kommission zur Kenntnis genommen, dass die Walter A. Bechtler Stiftung der Stadt Zürich das monumentale Werk «Cube» des amerikanischen Plastikers Sol LeWitt als Geschenk angeboten hat. (…) Wie die Aufstellung in Basel zeigt, verlangt das Werk einen Natur-Rahmen in der Art einer Lichtung, um zur vollen Wirkung zu kommen. (…) Wir halten auch den vorgeschlagenen Standort beim Zürichhorn für sehr geeignet.
Da dem Werk «Kubus» nichts Provokatives anhaftet, halten wir auch die Befürchtung, es reize zu Vandalenakten an, für unbegründet. (…)»

Stellungnahme Hochbauamt der Stadt Zürich

Brief Hochbauamt der Stadt Zürich, Stadtbaumeister Hans-Rudolf Rüegg, 12.6.1985
«Die Walter A. Bechtler Stiftung hat zusammen mit dem Künstler verschiedene Standorte in Zürich besichtigt, und er hat schliesslich zwei mögliche Standorte im Raume des Zürichhorns für die Plazierung als optimal vorgeschlagen. (…) Die Frage der Akzeptanz durch ein breites Publikum hängt allerdings nicht nur vom Ausstellungsort eines Werkes ab, sondern vor allem vom Verständnis, welches der Einzelne dem Kunstwerk entgegenzubringen vermag. So äusserte sich der Kunsthistoriker Georg Schmidt in seinem Schriften über Umgang mit Kunst trefflich: «Gut» oder «schlecht» heisst für den Laien nicht künstlerisch gut oder schlecht – «gut» heisst für ihn, was ihm geistig nachvollziehbar, «schlecht», was ihm geistig unvollziehbar ist. (…)
Die Parklandschaft am Zürichhorn sowie auch die Promenade Uto-Quai / Seefeld-Quai eignen sich sehr für die Aufstellung zeitgenössischer Skulpturen. Ihr Naherholungscharakter für den Menschen in der City wird dadurch zweifellos aufgewertet. Welch eine Chance gibt es dem tätigen Menschen von heute, wenn er beschaulich ein Kunstwerk betrachten und erfühlen kann – und wenn es auch nur für die kurze Zeit eines Spazierganges ist. (…)»

Geschenk-Annahme

Brief Stadtpräsident Wagner an Walter A. Bechtler, 23.1.1986
«(…) Nach längeren internen Abklärungen, einem weiteren Augenschein des Stadtrates und einer erneuten Diskussion im Stadtrat freue ich mich, Dir mitzuteilen zu dürfen, dass der Stadtrat bereit ist, ein Geschenk der Walter A. Bechtler Stiftung, nämlich die Plastik des Künstlers Sol LeWitt, entgegenzunehmen.
Bezüglich der in Frage kommenden Standorte ergeben sich folgende Möglichkeiten:
a) Zürichhorn, Nähe Casino (2 Standorte)
b) Baumnische im südöstlichen Teil des Belvoirparkes
c) Baumnische im Grünspickel zwischen Alfred Escher-Strasse und Mythenquai
d) Saffainsel
(…) Bereits an dieser Stelle möchte ich dir und der Walter A. Bechtler Stiftung sehr herzlich danken für diesen kulturpolitisch wichtigen Beitrag. Wir müssen allerdings gefasst sein, dass dieses Kunstwerk in der Öffentlichkeit durchaus zu kulturpolitischen Diskussionen Anlass geben wird… (…)»

Brief Walter A. Bechtler an Stadtpräsident Thomas Wagner, 31.1.1986
«Mit Freude habe ich vernommen, dass der Stadtrat bereit ist, die vorgeschlagene Plastik von Sol LeWitt von der Walter A. Bechtler Stiftung anzunehmen resp. an einem geeigneten Platz in Zürich aufzustellen. (…) Ich freue mich sehr, dass die Angelegenheit zur Zufriedenheit der momentan Beteiligten – ausgenommen sind natürlich die Reaktionen der Öffentlichkeit, die sicher nicht auf sich warten lassen – geregelt werden konnte.»

Erste Schwierigkeiten

Notiz Stadtpräsident Thomas Wagner an Thomas Bechtler, 13.7.1986
«Stadtrat Dr. Aeschbacher und Frau Stadträtin Dr. U. Koch machen Probleme… und wollen via Baubewilligung das Projekt zum Scheitern bringen. Meines Wissens sind aber bis heute für Kunstwerke keine Baubewilligungen notwendig gewesen: ich habe Auftrag erteilt, der Sache nachzugehen. Du kannst weiterhin mit meiner Unterstützung rechnen.»

Brief Stadträtin Ursula Koch an den Stadtrat, 4.8.1986
«Die rechtlichen Abklärungen bei der Baupolizei haben folgendes ergeben: die baupolizeiliche Bewilligungspflicht ist geregelt in § 309 des Planungs- und Baugesetzes (PBG). Beim Würfel von Sol Le Witt handelt es sich zufolge seines Ausmasses um eine bewilligungspflichtige Baute im Sinne von § 1 der Allgemeinen Bauverordnung (ABV). (…) Der Würfel von Sol LeWitt lässt sich am ehesten als eine baurechtliche relevante Nutzungsänderung qualifizieren, welche der Bewilligungspflicht untersteht. (…) Da der Würfel nicht zwingend in der Freihaltezone plaziert werden muss und auch nicht zu deren Bewirtschaftung dient, erscheint die Erteilung einer Bewilligung eher fraglich. Im Übrigen
weise ich darauf hin, dass in jedem Einzelfall abgeklärt werden muss, ob ein Kunstwerk aufgrund seines Ausmasses und seiner Auswirkung der Bewilligungspflicht untersteht oder nicht.»

Brief Stadtrat Rudolf Aeschbacher an Stadtpräsident Thomas Wagner, 22.10.1986
«Den vorgeschlagenen Standort für die Plazierung der Skulptur in der Grünanlage Zürichhorn erachte ich nach wie vor als denkbar ungeeignet. (…) Durch die Plastik würde nun dieser Raum, der durch Bäume und Sträucher ganz bewusst gestaltet wurde, unterbrochen und die Proportionen gestört.
Ich kann mir keinen Standort in einer städtischen Anlage vorstellen, wo der Würfel nicht als Fremdkörper wirken würde, insbesondere deshalb nicht, weil die Anlagen eher von bereits zuviel vorhandenen Artefakten befreit werden sollten.
Überdies befürchtet das Bauamt I, dass die Seiten des Kunstwerks beschädigt und besprayt würden, wodurch die gesamte Anlage in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. (…) Aus der Sicht des Bauamtes I darf der «Cube» keinesfalls am vorgesehenen Ort aufgestellt werden.»

Ablehnung des Geschenkes und Ablehnung des Standortes

Brief Stadtpräsident Thomas Wagner an Stiftung, 21.11.1986
«Zu meinem grossen Bedauern muss ich Dir heute mitteilen, dass es der Stadtrat am vergangenen Mittwoch abgelehnt hat, die von Deiner Stiftung der Stadt zu schenkende Skulptur «Cube» von Sol LeWitt am vorgesehenen Ort aufzustellen. Ich darf Dir verraten, dass der Entscheid sehr knapp ausgefallen ist, aber das ändert leider gar nichts am Umstand, dass eine Mehrheit des Stadtrates nicht bereit ist, den Park im Zürichhorn für dieses Kunstwerk zur Verfügung zu stellen.
Dieser Beschluss bedeutet indes keine Absage an Dein grosszügiges Geschenk, denn ich habe den Auftrag erhalten, mit der Stiftung im Hinblick auf eine alternative Plazierung der Skulptur zu verhandeln. (…)»
Medienmitteilung der Stadt Zürich, 26.11.1986
«Der Kubus kommt nicht ins Zürichhorn zu stehen. Der Stadtrat hat es abgelehnt, die vom amerikanischen Künstler Sol LeWitt gestaltete Skulptur «Cube» in den Parkanlagen im Zürichhorn aufzustellen. Das Kunstwerk sollte der Stadt von der Walter A. Bechtler Stiftung geschenkt werden. Der Stadtpräsident ist beauftragt worden, mit der Stiftung Abklärungen zu treffen und die Möglichkeit nach einem anderen Standort für die Plazierung der Skulptur zu prüfen.»

Neue Standorte werden geprüft

Und so geht es weiter. Die vollständige Dokumentation des Schriftverkehrs zur Platzierung dieser aussergewöhnlichen Geschenkidee findet sich in diesem PDF.

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