Forschungsprojekt KUNST ÖFFENTLICHKEIT ZÜRICH | Materialien

Institut für Gegenwartskünste, Zürcher Hochschule der Künste ZHdK
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Quartierleben in der Partystadt zurück→

Der Städtebauhistoriker Angelus Eisinger äussert sich zur Entwicklung des öffentlichen Raums in Zürich.

Bernadette Fülscher und Tim Zulauf (Forschungsprojekt Kunst Öffentlichkeit Zürich): Angelus Eisinger, Sie beschäftigen sich seit längerem mit der Geschichte der Stadtplanung und des Städtebaus in der Schweiz. Wie würden Sie den öffentlichen Raum der Stadt Zürich und seine Entwicklung im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte beschreiben?

Angelus Eisinger: Die Frage nach der Entwicklung der öffentlichen Räume ist nicht einfach zu beantworten. Einerseits herrscht noch immer ein Öffentlichkeitsverständnis, das an den konkreten Raum gebunden ist und dem späteren 19. Jahrhundert entstammt. In Zürich bringen wir die Bilder dieser Öffentlichkeit mit der Bahnhofstrasse und dem Seequai in Verbindung, mit Kunstwerken und Denkmälern, mit Promenieren, Flanieren und sozialen Begegnungen. Ein solches Verständnis von Öffentlichkeit hat zwar immer noch einige Relevanz, doch es hat auch gleichzeitig damit zu kämpfen, dass sich unsere Lebensgewohnheiten zunehmend von diesen Räumen gelöst haben. Ausserdem gibt es die Öffentlichkeit als Singular nicht mehr. Öffentlichkeit ist in verschiedene Szenen und Teilöffentlichkeiten zerfallen, ist mobiler geworden und weniger an konkrete, städtische Räume gebunden. Zwischen der Öffentlichkeitsvorstellung des 19. Jahrhunderts und der heutigen mobilen Öffentlichkeit gibt es unterschiedliche Schattierungen, die auch – und das ist ja Ihr Forschungsinteresse – unterschiedliche Verhältnisse von Öffentlichkeit und Kunst oder Architektur etablieren. Neben der klassischen Öffentlichkeit gibt es zum Beispiel die mediale Öffentlichkeit, und letztere verdeutlicht, dass sich die Orte der Öffentlichkeit tatsächlich verlagert und gewissermassen entmaterialisiert haben.

In den heutigen Öffentlichkeitsmustern spiegelt sich eine hochmobile Konsumgesellschaft – auch in räumlicher Hinsicht. Unser Raumkonsum hat nicht nur quantitativ enorm zugenommen, er dehnt sich auf immer weiter verstreute Punkte im Raum aus: auf lokaler wie internationaler Ebene, in der Stadt ebenso stark wie auf dem Land, für die Freizeit sowie den Berufsalltag. Zentrumsnahe Stadtgebiete liefern da ein falsches Bild. In Städten wie Zürich sind die Einkaufsmöglichkeiten, die Treffpunkte und Freizeiteinrichtungen im eigenen Quartier noch immer in unmittelbarer Reichweite. Da finden sich öffentliche Räume im traditionellen Sinne. So kommt man mit der Umgebung in Berührung mit lärmenden Schulkindern, im Kreis 4 vielleicht mit ein paar Junkies oder einer Prostituierten. Doch ausserhalb solcher Stadträume verlieren die diese Mobilitätsmuster im Raum rapide an Bedeutung. Am gravierendsten sind die Auswirkung wohl in den Agglomerationen: Während man dort – auf dem ehemaligen Land – bislang den Einkauf zur Bäckerei und zur Metzgerei zu Fuss machte, fährt man heute mit dem Auto in die Tiefgarage des nächsten Einkaufszentrums und von dort aus wieder zurück. Die spezifischen Angebote – der Tennisplatz, das Einkaufszentrum, der Arbeitsort – sind im Agglomerationsraum als Inseln in einem Archipel verknüpft. So kommt es zu Punkt-Punkt-Verbindungen, bei denen kaum mehr Interaktionen mit der Umgebung stattfinden. Die Konsequenzen davon sind weitreichend. Unsere Beziehung zum Raum und dem darin stattfindenden Geschehen wird entkörperlicht. Die konkrete körperliche Erfahrung der (sozialen und räumlichen) Umgebung ist aber eine notwendige Voraussetzung, zu seinem Umfeld ein ausgewogenes Verhältnis zu etablieren. Nur so kann eine Form von Öffentlichkeit entstehen, die für sich selbst verantwortlich ist.

Zu den grossen Herauforderungen der nächsten Jahrzehnte zählt meines Erachtens somit die Frage, wie Öffentlichkeit in den stark von privater Mobilität strukturierten Räumen der Agglomeration – in Räumen also, die jung und geschichtslos sind und wo es kaum Anknüpfungspunkte gibt wie in der gewachsenen Stadt – aussehen könnte. Hier besteht erheblicher Reflexions- und Definitionsbedarf. In den Städten und gerade in Zürich stellt sich diese Frage weniger stark, weil es immer noch ein kulturelles Gedächtnis eines öffentlichen Raumes gibt und der städtische Raum baulich und strukturell noch stark vom 19. Jahrhundert geprägt ist. Von Traditionen wie dem Sechseläuten etwa haben in Zürich aktuelle Events wie die Streetparade viel profitiert. Doch ist das Öffentlichkeitsverständnis des 19. Jahrhunderts und seine Behandlung längst überholt. Während damals versucht wurde, den öffentlichen Räumen mit architektonisch wohlproportionierten und gelungen gestalteten Gebäude zu charakterisieren, ist diese ästhetische Oberflächengestaltung uninteressant geworden. Mehr noch: Die Vorstellung, es reiche aus, einen Raum mit bestimmten architektonischen Merkmalen zu gestalten, um Öffentlichkeit zu produzieren, ist ungenügend.

B.F und T.Z.: Welches sind in Zürich Veränderungen, die etwa durch das neue Mobilitätsverhalten möglich geworden sind?

A.E: In Zürich äussern sich die Veränderungen einerseits dadurch, dass die Stadt seit Anfang der 1990er Jahre auf der internationalen Party- und Kunstlandschaft ein wichtiger Faktor geworden ist. Die Subkultur und die Jugendszene haben viel dazu beigetragen, dass sich gegen Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre eine illegale Bar- und Partyszene in verschiedenen Stadtteilen ausgebildet hat. Während etwa in Wien die öffentliche Hand der Subkultur Räume zur Verfügung stellte, um ihre subversiven Potentiale möglichst zu unterbinden, ignorierte man in Zürich lange Zeit ihre Existenz, was ihr eine autonomere Entwicklung ermöglichte. Die Szene interessierte sich von allem Anfang an für Gebiete, die verlassen worden sind; für Industrieareale oder Gewerbeflächen, die keine Nutzung mehr fanden und leer standen und deshalb ohne grosse Kosten angeeignet werden konnten. Sie verortete diese Räume neu in der Stadt. Heute richtet sie sich im Übrigen an den Rändern ein, oft auch in Agglomerationsgebieten, und ist innerhalb der Stadt enorm mobil, weil sich die Leute – nicht zuletzt wegen der hohen Mietzinsen – immer wieder andere Orte suchen. Dieses beständige Suchen nach neuen Räumen schafft „temporäre Urbanität“.

Andererseits spielen für die Veränderungen der Stadtzürcher Öffentlichkeit ökonomische Faktoren eine Schlüsselrolle. Hinter den aktuellen Stadtentwicklungsszenarien steht die – scheinbare – Notwendigkeit von Städten, sich im Netzwerk von global cities zu profilieren – also: im weltweiten Standortwettbewerb der Städte bestehen zu können. Zürich war in diesem Kontext in den letzten zwei Jahrzehnten relativ erfolgreich. Beispiele hierfür sind die Entwicklung des Finanz- und des Versicherungsplatzes (auch wenn hier die Zukunft noch offen scheint), die Tatsache, dass sich Firmen wie Google in Zürich niederlassen, aber auch die Entwicklungen im Glatttal oder in Zug, die funktional eben auch zu Zürich gerechnet werden müssen. Das hatte und hat in der Stadt konkrete bauliche Folgen, indem die Klasse der globalen, hochmobilen Manager und ihre Entourage gewissermassen auch Ausstattungsbedürfnisse für den städtischen Raum vorgeben. So hat sich innerhalb der letzten zehn bis fünfzehn Jahren in der ganzen Stadt eine Restaurantszene etabliert, die sich stark an den Profilen einer reichen, jungen, ausgehbereiten Schicht orientiert. Auch diese zeigt sich vom dekadenten Charme der lange nicht genutzten Resträume fasziniert und fängt an, sie neu zu bespielen. Hinterhöfe und Caf├ęs, die in Vergessenheit geraten waren, werden zu Szenentreffs, etwa an der Talackerstrasse. Es entsteht ein neuer Stadtplan der Stadt Zürich, der aufzeigt, wie stark sich die Gewichte zwischen den Quartieren verschoben haben. Psychologische Trennlinien, die vor 20 Jahren noch stark waren, spielen heute kaum mehr eine Rolle: In den Kreis 1 gehen nicht mehr nur Bankangestellte, und umgekehrt verkehren diese nun auch in den Kreisen 4 und 5 oder wohnen dort. Diese Verschiebungen stellen die Quartiere natürlich auch vor neue Probleme und führen zu Verdrängungen und Umwertungen. Dennoch scheinen mir die Stadtkreise in Zürich sozial zu durchmischt, als dass sich radikale Tendenzen der Gentrifizierung – der Verdrängung tieferer sozialer Schichten durch höhere, als Folge der Stadtaufwertung – wie in London oder in den USA durchsetzen könnten.

Ein weiteres Feld, an welchem wir die Mobilität der städtischen Öffentlichkeit erkennen können, ist der Tourismus. Im Kontext der Tourismusindustrie wird der Stadtraum zur Event-Plattform. Städte verkaufen, auf eine oftmals geradezu prostituierende Art und Weise, ihren öffentlichen Raum als Plattform für Veranstaltungen und programmieren den Raum neu. Solche Nutzungen betreffen den städtischen Raum aufs Jahr gesehen allerdings oft nur während einiger kurzer Momente. In vielen wichtigen europäischen Städten laufen die Entwicklungen in die gleiche Richtung, wenn auch mit unterschiedlichen Intensitäten. Obwohl Zürich mit solchen Events zurückhaltender ist als andere Städte wie etwa Wien, ist auch hier beispielsweise die Streetparade als Event im öffentlichen Raum ein ungemein wichtiger Faktor für die ganze Tourismusbranche geworden, von welcher viele Hotels und Gastrobetriebe wesentlich abhängen. Allerdings frage ich mich, ob solche Grossevents mittel- und langfristig überleben werden. Vielmehr scheinen sie mir exemplarisch für temporäre Öffentlichkeiten zu sein. Nicht nur deshalb, weil sie den Raum nur für einen bestimmten Zeitpunkt in Beschlag nehmen, sondern auch weil sie nach ein paar Jahren wieder verschwinden werden. Die Ökonomisierung des kulturellen Lebens und der städtischen Öffentlichkeit ist auch an anderen Stellen der Stadt zu beobachten: Wenn die Schiffbauhalle in Zürich West – um eines der ersten Zürcher Beispiele für eine tourismuswirksame kulturelle Umnutzung von Stadtraum zu nennen – mit der Theaternutzung finanziell nicht rentiert, dann wird halt auch ein renommierter deutscher Autofabrikant die Halle als Kulisse zur Präsentation seiner neusten Modelle nutzen dürfen. Das einzige noch gültige Kriterium ist eine betriebswirtschaftlich vertretbare Auslastung der Räumlichkeiten. Das Theater, dessen Raum das Bürgertum im 19. Jahrhundert als Raum für das Erhabene, Schöne und für das, was den Menschen weiterbringt, aus dem ökonomischen Verwertungszusammenhang herauslösen wollte, hat sich so gesehen als Illusion herausgestellt.

Wir erleben momentan, wie gesagt, nicht nur einen Verlust von alten Öffentlichkeitsmustern, sondern auch eine nicht immer problemlose Vervielfachung von Öffentlichkeiten. Betrachtet man beispielsweise, welch unterschiedliche Dinge während eines Jahres am Zürcher Seebecken möglich sind, so erinnert dies an einen Ort der Imagination, wie ihn die Kunst im 19. Jahrhundert gefeiert hat. Eine der grossartigen Eigenschaften des öffentlichen Raums im 19. Jahrhundert war ja, dass der Stadtgesellschaft ein Ort zur Verfügung gestellt wurde, der immer wieder neu definiert werden kann – auch wenn dies von der Stadtplanung nicht so beabsichtigt gewesen ist. Ohne politische Vorbehalte und Schranken, ohne Ausschlussprinzip können sich Menschen aus unterschiedlichsten Vermögensschichten und Herkünften begegnen. Daraus entstand, was Charles Baudelaire an der Stadt Paris im 19. Jahrhundert so fasziniert hatte: das Unberechenbare, das Chaotische – ein Produkt und eine Folie künstlerischer Imagination. Das Seebecken erlaubt heute andere Imaginationen als bloss das Promenieren der städtischen Bürgerschaft. Allerdings ist gerade hier das Leben im öffentlichen Raum stark individualisiert – also ein präzises Abbild seiner Zeit. Was man kommentiert, sind die Probleme des Störens, des Lärms und Drecks. Das Gegenüber wird dort gerade nicht angenommen als etwas, dem gegenüber man Toleranz und Sensibilität entwickelt. Darin unterscheidet sich das Geschehen am Seebecken wesentlich von anderen Orten der Stadt, in welchen funktionierende Quartieröffentlichkeiten zu finden sind.

B.F. und T.Z.: Inwiefern sind die gesellschaftlichen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf den öffentlichen Raum auf einer städtebaulichen Ebene spürbar?

A:E.: Die Moderne der 1920er bis 1970er Jahre lehnte den öffentlichen Raum des 19. Jahrhunderts wegen der schlechten Lebensbedingungen und der Mietskasernen ab und ersetzte die Strasse und die Plätze, die dem Flaneur des 19. Jahrhunderts noch Orte der Begegnung waren, durch neue Siedlungskonzepte. Ziel der modernen Planung war, das – wie man fälschlicherweise annahm – durch die Grossstadt des 19. Jahrhunderts zerstörte stadtsoziologische Netz durch bauliche Massnahmen neu zu schaffen und stabil zu halten. Schwamendingen, Affoltern oder Seebach sind präzise Abbilder des Versuchs, durch Anordnung bestimmter Gebäude im Raum Brennpunkte für eine neue Stadtöffentlichkeit zu schaffen: ein Laden, eine Primarschule, ein Kindergarten, vielleicht Verwaltungsbauten, die der Bevölkerung erlauben, einen Bezug zu ihrer Umgebung und zu den StadtbewohnerInnen zu entwickeln. Ein solch schematisches Verständnis von Öffentlichkeit interessierte sich nicht mehr für das Kollektiv des Bürgertums, das der Städtebau des 19. Jahrhunderts in den Blick genommen hat, sondern versucht, bewusst spezifische soziale Schichten in die Stadtgesellschaft zu integrieren. Inzwischen haben wir gemerkt, dass vor allem aus betriebswirtschaftlichen Überlegungen ein solches Netz nicht aufrechterhalten werden kann; die Quartierläden stehen heute allesamt leer – die fokalen Punkte der Quartieröffentlichkeit gibt es nicht mehr.

Gleichzeitig wurde das Verhältnis zwischen sozialer und gebauter Stadt durch den Verkehr nachhaltig gestört. Hier zeigt sich einer der grossen Irrtümer der Moderne, die die Bedeutung des Fussgängers für das städtische Leben vollkommen unterschätzt hat. Der Verkehr wurde insbesondere in Zürich immer als technisches Problem betrachtet, das ausser ein paar kritischen Architekten niemand in seinen Auswirkungen auf das städtische Leben überprüft hat. Ein klassisches Beispiel sind die Weststrasse und die Seebahnstrasse, wo durch städtische Räume Schneisen für den Durchgangsverkehr gelegt wurden und alle sozialen Netze, die die dort noch junge Stadt seit dem 19. Jahrhundert geschaffen hatte, durchschnitten wurden.

Erst in den 1990er Jahren – und dies im Übrigen nicht nur in Zürich – hat sich eine neue Sensibilität für den öffentlichen Raum und ein verstärktes Verständnis für den Zusammenhang von Stadtgesellschaft und gebauter Stadt entwickelt. Der Städtebau interessiert sich seither wieder stärker für den öffentlichen Raum und das alte Vokabular mit „Block“, „Strasse“, „Platz“ kommt wieder auf. Der Urbanitätsbegriff und der Städtebau feiern ihre Renaissance. Zwar bleibt die Stadt des 19. Jahrhunderts dabei oft unkritisch aufbereitet, gerade wenn der Begriff „Urbanität“ verwendet wird, um die neuen Freizeit- und Konsumgewohnheiten im Stadtraum zu benennen. Bei aller Kritik lässt sich aber in den letzten Jahren beobachten, dass Städte als Orte der Zukunft wieder entdeckt worden sind und dass man ihnen Sorge tragen will, indem man sozial und kulturell integrativ operiert und den gebauten Raum gestaltet. In diesem Zusammenhang sind z.B. die Aktivitäten des Zürcher Amtes für Städtebau in den letzten Jahren interessant, das daran arbeitet, in einem klassischen städtebaulichen Sinne Räume attraktiver zu machen. So kommt es auch auf klassischem Wege zu Belebungsversuchen des Öffentlichen.

B.F. und T.Z.: Und welche Rolle spielt bei der Entwicklung es öffentlichen Raums der wirtschaftliche Faktor?

A.E.: Grundsätzlich ist es sinnlos über Stadtentwicklung nachzudenken, ohne ökonomische Faktoren zu berücksichtigen. Städte können nur leben, wenn sie ein ökonomisches Fundament haben, das stabil und veränderungsfähig ist. „Stadt“ und „Ökonomie“ sind kein Widerspruch, sondern sollten in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen. Jene Art von Städtebau und Stadtentwicklungspolitik, die in Zürich ausgeführt wurde, wäre ohne die entsprechenden ökonomischen Interessen nicht möglich gewesen – etwa ohne das Interesse, im Industriequartier zu investieren. Das heisst aber gleichzeitig nicht, dass zwischen wirtschaftlichen Interessen und Stadtentwicklungsbedürfnissen keine Widersprüche oder Zielkonflikte bestehen würden. Auch für das Kulturelle ist die Ökonomie eine unumgängliche Notwendigkeit. Stadtraum aufzuwerten und Öffentlichkeit zu stabilisieren sind nicht möglich, wenn in einer Stadt eine Arbeitslosenquote von 20% herrscht und die öffentliche Hand keine Mittel hat, die Infrastruktur aufrechtzuerhalten – dies machen zurzeit die „schrumpfenden Städte“ in Ostdeutschland deutlich, deren Bevölkerungszahlen rapide abnehmen. Kultur, Subkultur oder zeitgenössische Kunst sind in Zürich längst in den Fokus wirtschaftlicher Interessen geraten. Im Industriequartier zum Beispiel hat sich sowohl der Immobiliensektor wie auch die ganze Beizen- und Galerienlandschaft angesiedelt, und beide hätten kein Interesse an diesem Stadtteil entwickelt, wenn gewissermassen die Vorarbeit von der (Sub-)Kultur nicht geleistet worden wäre. Andererseits hat das gesteigerte wirtschaftliche Interesse auch zur Etablierung und Profilierung der Kunst- und Kulturszene beigetragen. Wie wirtschaftliches Handeln und Kunst zusammenspielen können, zeigen gerade ehemalige Akteure der Subkultur deutlich. Dort gibt es doch einige, die trotz einst radikaler Skepsis und Ablehnung des kapitalistischen Systems Jungunternehmer geworden sind, ohne ihre kritische Einstellung aufzugeben. Fronten sind also abgebaut worden, Pragmatismus hat Einzug gehalten.

B.F. und T.Z.: Wieweit lassen sich Entwicklungen im öffentlichen Raum planen?

A.E.: In einem alten Planungsverständnis lässt sich die Begegnung mit der Umgebung oder mit dem Anderen nicht planen: Man kann nicht einfach einen Satz von Massnahmen ergreifen und damit bestimmte Ergebnisse erwarten. Aber man kann Chancenräume eröffnen, in denen sich die Wahrscheinlichkeiten für gelungene Formen von Öffentlichkeit erhöhen. Die Instrumente der öffentlichen Hand sind eher Massnahmen zur Verhinderung negativer Beeinträchtigungen. Die Langstrasse und ihre Umgebung sind dafür ein sehr gutes Beispiel. Heute werden ihre Strassenzüge zunehmend vom Sexgewerbe unterwandert, was das Quartier an Attraktivität einbüssen und gerade Familien mit Kindern abwandern lässt. Eine Folge davon ist, dass auch die Versorgungseinrichtungen wie Lebensmittelgeschäfte, Bäckereien über die letzten zehn Jahre stark abgenommen haben. In dieser Situation nimmt die Stadt Zürich eine Verantwortung für die Öffentlichkeit wahr, indem sie beispielsweise gefährdete Häuser aufkauft, um die Ausweitung des Sexgewerbes zu unterbinden. Ein gutes Beispiel für die Unmöglichkeit, einen beliebten öffentlichen Raum zu planen, ist in Zürich die Bäckeranlage. Die klassische Parkanlage aus dem 19. Jahrhundert war über lange Zeit hinweg ein schwarzes Loch im Kreis 4, das von niemandem benutzt wurde, abgesehen von der Drogenszene. Durch diese aber ist die Aufmerksamkeit für die Parkanlage bei der Bevölkerung gewachsen und sie begann sich den Raum anzueignen. Nachdem die Drogenszene aufgelöst wurde, behielt der Ort seine neue Bedeutung und wurde zum Begegnungsraum für die Quartierbewohner und zur Spielwiese für Kinder. Vor kurzem hat die Stadt Zürich die provisorische Situation mit einem aufwendig gestalteten Neubau zu festigen versucht, der als Quartierzentrum mit Kinderhort und Restaurant funktioniert und den alten unspektakulären Imbiss-Pavillon ersetzt. Zumindest während der Anfangsphase lässt sich hier beobachten, wie labil städtische Öffentlichkeit ist, denn die Anwohner besuchen das Restaurant nicht im erwarteten Masse – als ob sie gegenüber dem Neubau ein Unbehagen entwickelt hätten.
Noch eine letzte Beobachtung im Zusammenhang mit der wachsenden Belebung der Strassenräume in Zürich. Ein wesentlicher Produzent dieses Trends war ein Element, das nichts mit Architektur, Planung oder Städtebau zu tun hat. Seit Zürich vor einigen Jahren die Möglichkeiten, ein Lokal mit Alkoholausschank zu eröffnen, beträchtlich erleichtert hat, hat sich das Strassenleben und Quartierleben stark verändert. Eine solche Massnahme hat wenig mit Städtebau, Kulturpolitik oder Stadtenwicklungsstrategien zu tun, und dennoch wird an einem Rädchen der Stadtgesellschaftsmaschine gedreht und ein überraschendes Ergebnis erzielt.

B.F. und T.Z.: Und welches ist Ihrer Meinung nach die Rolle der Kunst im öffentlichen Raum?

A.E.: Kunst kann durchaus zum öffentlichen Raum etwas beitragen. Das zentrale Problem des Verhältnisses von Kunst und öffentlichem Raum ist der Facettenreichtum des letzteren. Kunst kann dazu nicht umfassend Stellung nehmen. Sie kann aber die Rolle übernehmen, die Komplexität und Vielschichtigkeit der Stadt, das Andere und das Fremde als Konstituenten der Stadt zu reflektieren. Eine derzeitige Plakataktion von Michael von Graffenried mit Drogensüchtigen scheint mir eine schöne Umsetzung dieser Idee, da sie zu eben dieser Sensibilisierung beiträgt. Andererseits bleibt es nach wie vor eine Aufgabe von Kunst, den öffentlichen Raum zu verschönern: selbstverständlich nicht mehr im klassischen Sinn einer ästhetisch gelungenen architektonischen Ausstattung und städtebaulichen Konzeption, und erst recht nicht mit einem Kunstwerk mitten auf einem Platz, sondern in dem Sinn, dass die Aneignung des Raumes attraktiv wird. Auch der Plan Lumière – eine über die ganze Stadt verteilte Beleuchtungskunstinstallation, scheint mir hier rein zu passen, weil er auf vielen verschiedenen Ebenen funktioniert. Er ist zwar kein Kunstwerk im klassischen Sinn, zielt aber stark auf die Ästhetik ab und zielt auf eine neue Wahrnehmung der ganzen Stadt, die zur Identifikation mit dem Ort beitragen kann. Kunst, die einen Diskurs über Stadt oder eine Debatte über momentane Befindlichkeiten auslöst oder kommentiert, hilft, eine Öffentlichkeit zu schaffen, die sensibel auf das reagiert, was vor der eigenen Türe geschieht. Dabei muss sie sich nicht explizit auf den öffentlichen Raum beziehen oder dort stattfinden, sondern kann ihren Ort auch in Galerien oder auf Theaterbühnen haben. Auch subkulturelle Kunst wie jene der Sprayer liefert solch andere Sichtweisen auf die Stadt und verankert sie im Stadtraum. Subkultur war und ist ein wichtiger Resonanzraum der urbanen Wirklichkeit, gerade in Zürich. Sie braucht dazu auch ihre Freiräume. Kulturpolitik darf deshalb Subkultur weder verhindern noch kaputt subventionieren – zu der letzten Befürchtung besteht mit Blick auf die Knausrigkeit schweizerischer Kulturförderung allerdings kaum Anlass.


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20/01
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